Capital-HistoryDas Ende des asiatischen Wirtschaftswunders

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Aus Euphorie wird Panik

Mitte der 90er-Jahre ist der China-Hype noch nicht recht angelaufen. Vielmehr gelten die sogenannten Tigerstaaten als Motor der Weltkonjunktur: Thailand, Malaysia, Indonesien, Südkorea wachsen mit traumhaften Raten – allein Thailand zwischen 1985 und 1996 mit durchschnittlich neun Prozent. Ihre Bürger sparen viel, ihre Arbeitskräfte sind flexibel, Inflation und Steuern niedrig, Regierungen erzielen Budgetüberschüsse. Das Ausdruck „East Asian Miracle“ geht um. Einzig denkbare Richtung: steil nach oben. Die Tiger sind betrunken vom Erfolg.

In Japan und Europa dagegen schwächelt die Konjunktur. Wer Profit machen will, so lautet die allgemeine Überzeugung, muss sein Geld nach Asien tragen. Investoren aus den reichen Ländern tun das zuhauf. Auf Drängen des Westens – allen voran: des IWF – haben die Tigerstaaten ihre Kapitalmärkte liberalisiert. So können deutsche, japanische und amerikanische Banken, Fonds und Aktionäre problemlos am Erfolg der Tiger teilhaben. Zu Rekordzeiten belaufen sich die Nettokapitalzuflüsse nach Thailand auf 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach Malaysia gar auf 17 Prozent.

Vor lauter Euphorie werden einige beunruhigende Entwicklungen übersehen: Wegen des enormen Zustroms von Kapital rutschen die Leistungsbilanzen der Tigerstaaten in die Schieflage. Viel Geld fließt nicht in produktive Investments wie Fabriken und Maschinen, sondern in Immobilien. Die Häuserpreise schnellen hoch, Blasen entstehen. Fast jedes Unternehmen, das den Finger hebt, bekommt Kredit – und im Rausch des billigen Gelds fällt nicht jede Investitionsentscheidung weise aus.

Suharto: Wie viele seiner Landsleute benutzt Indonesiens Diktator nur einen Namen. Die Krise bedeutet sein politisches Ende nach über drei Jahrzehnten Herrschaft.
Suharto: Wie viele seiner Landsleute benutzt Indonesiens Diktator nur einen Namen. Die Krise bedeutet sein politisches Ende nach über drei Jahrzehnten Herrschaft.

Zugleich plagt Südostasien weiter die Korruption. Als besonders verkommen gilt das System von Indonesiens Diktator Suharto: Dessen jüngster Sohn Tommy etwa genießt ein Monopol auf Gewürznelken (ein unverzichtbarer Aromastoff für indonesische Zigaretten), und noch 1996 erhält er den Auftrag, ein „nationales Auto“ zu bauen. Kredite über 700 Mio. Dollar, Steuer- und Zollbefreiungen inklusive.

Obgleich in Asien viele Voraussetzungen für Wachstum stimmen, gibt es also Zeichen, dass nicht alles zum Besten steht. Dennoch halten die ausländischen Investoren die Risiken für überschaubar: Schließlich haben viele Tigerstaaten ihre Währung an den Dollar gekoppelt, um Umtauschverluste zu minimieren. Solange das Vertrauen der Investoren anhält und die Wechselkurse stabil bleiben, ist alles gut.

Leider ist weder das eine noch das andere der Fall.

Am 5. Februar 1997 muss das thailändische Immobilienunternehmen Somprasong Land eingestehen, dass es eine fällige Zinszahlung auf einen 80-Mio.-Dollar-Kredit nicht leisten kann. Das Bauunternehmen hat sich verzockt. Der Immobilienmarkt in Bangkok beginnt zu kippen. Zum ersten Mal bleibt ein ausländischer Gläubiger auf seinen Forderungen sitzen.

Schnell wird klar, dass auch andere Bauunternehmen wackeln – und mit ihnen die Banken, die ihnen Geld geliehen haben. Thailands größte Finanzgruppe Finance One kollabiert, im Juni muss die Regierung mehr als ein Dutzend weitere Institute schließen. Deren Dilemma: Sie haben im Ausland Kredite mit kurzer Laufzeit aufgenommen, um sie als langfristige Kredite an inländische Unternehmen weiterzureichen. Das ist unproblematisch, solange ihre Kapitalgeber bereitstehen, die Laufzeiten zu verlängern. Doch diese Bereitschaft schwindet nun rapide.

Als wäre das nicht genug, ziehen auch noch die Spekulanten in die Schlacht. Angesichts des thailändischen Leistungsbilanzdefizits von acht Prozent und den zunehmenden wirtschaftlichen Turbulenzen halten sie den Baht für überbewertet. Am 14. und 15. Mai attackieren sie die Währung massiv.