Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

Besuch des amerikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention: Präsident Donald Trump spricht zur Presse.
Besuch des amerikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention: Präsident Donald Trump spricht zur Presse.imago images / ZUMA Wire / Shealah Craighead / White House

Wenn die Geschichtsbücher darüber geschrieben werden, wie Amerika mit der ersten wirklichen Pandemie im globalen Zeitalter umgegangen ist, wird der 6. März ein denkwürdiger Tag sein. Es ist der Tag, an dem Donald Trump das US-Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention (CDC) in Atlanta besuchte. Seine Stippvisite bei den weltbesten Forschern der Gesundheitsbehörde sollte demonstrieren, dass Amerika alles unter Kontrolle hat. Trumps Besuch lag irgendwo in der Mitte der Zeit, als er noch leugnete, dass das Coronavirus eine Bedrohung darstelle, und dem Moment, wo er stets gewusst haben wollte, dass es in Amerika grassieren würde.

„In ein paar Tagen [werden die Infektionen] auf nahezu Null zurückgehen“, sagte Trump kurz vor dem CDC-Besuch. Die USA hatten damals 15 bestätigte Fälle. „Eines Tages, es ist wie ein Wunder, wird es verschwinden.“ Wenige Tage später behauptete er: „Mir war klar, es würde eine Pandemie, lange bevor man es Pandemie nannte.“ Dieser Nachmittag im CDC liefert eine Momentaufnahme von Trumps Haltung auf halber Strecke zwischen Verleugnung und Akzeptanz.

Wir wissen heute, dass Covid-19 zu der Zeit bereits ausgebrochen war. Das Virus hatte sich seit Wochen in New York, im Bundesstaat Washington und in anderen Clustern ausgebreitet. Die Infektionskurve zeigte steil nach oben. Trumps Ziel in Atlanta war es, das Gegenteil zu behaupten.

Der US-Präsident trug seine „Keep America Great“-Baseballmütze und wurde von CDC-Chef Robert Redfield, Gesundheitsminister Alex Azar und Georgias Gouverneur Brian Kemp begleitet. In seiner 47-minütigen Begegnung mit der Presse rasselte Trump seine Hitparade herunter.

Er brandmarkte den Sender CNN als „Fake News“, prahlte mit seiner Einschaltquote bei Fox News, zitierte die jüngsten Höchststände der Wall Street, nannte den demokratischen Gouverneur des Bundesstaates Washington eine „Schlange“ und räumte sein Unwissen darüber ein, dass eine Vielzahl von Menschen an einer gewöhnlichen Grippe sterben kann. Er missverstand auch eine Frage, ob er Wahlkampfereignisse aus Rücksicht auf die öffentliche Gesundheit nicht besser absagen sollte: „Ich habe keine Probleme, [die Stadien] zu füllen.“

In den Medien wurden vor allem zwei Kommentare über die Seuche aufgegriffen. Binnen einer Woche würden vier Millionen Testkits zur Verfügung stehen. „Die Tests sind wunderbar“, sagte er. „Jeder, der einen Test braucht, bekommt einen Test.“ Zehn Wochen später ist das nicht annähernd der Fall. Bis Mitte Mai waren weniger als drei Prozent der US-Amerikaner getestet.

Trump prahlte auch mit seinem wissenschaftlichen Verständnis. Er habe diesen „supergenialen“ Onkel John Trump, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehre, und suggerierte, er habe seinen Intellekt geerbt. „Ich verstehe es wirklich“, sagte er. „Jeder dieser Ärzte fragt: Woher wissen Sie so viel darüber? Vielleicht habe ich eine natürliche Fähigkeit.“ Historiker werden auch an dieser Beobachtung hängen bleiben.

Amerika bleibt Nummer eins

Was es nicht in die Schlagzeilen schaffte, war eine Prahlerei, die die Nachwelt noch ernster nehmen wird als Trumps gefühlten IQ oder die überzogene Testkapazität (die wahre Zahl der CDC-Kits betrug im März 75.000). Trump verkündete, Amerika sei weltweit führend. Südkorea, das seine erste Infektion am 20. Januar meldete – am selben Tag wie die USA – , rufe Amerika um Hilfe, sagte der Präsident. „Sie haben viele Infizierte; wir nicht.“ Und er fügte hinzu: „Ich sage nur: Bleiben Sie ruhig.“… „Alle verlassen sich auf uns. Die Welt verlässt sich auf uns.“

„Amerika führt bei den Todesfällen, bei den weltweiten Infektionen, und wir steigen zum Sinnbild globaler Inkompetenz auf“

William Burns

Genauso gut hätte er sagen können, dass Baseball beliebt ist, oder Ausländer New York lieben. Seit Jahrzehnten ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Amerika die Führung in jedem Katastrophenfall übernimmt – sei es ein Tsunami oder ein Ebola-Ausbruch. Es gehört zu Amerikas Ruf, dass es anderen in einer Notsituation beisteht.

Rückblickend sticht Trumps Anspruch auf eine globale Führungsrolle heraus. Covid-19 wird als erste Heimsuchung in die Geschichte eingehen, wo dies nicht mehr zutrifft. Es gab keine US-Lufttransporte von Schutzausrüstung. Amerika kann sich nicht einmal selbst versorgen.

Südkorea hat in unmittelbarer Nachbarschaft zu China und mit einer 15-mal höheren Bevölkerungsdichte insgesamt 259 Sterbefälle zu beklagen. An manchen Tagen verlor Amerika zehnmal so viele Menschenleben. Die Zahl der Toten läuft in den USA derzeit auf 90.000 zu.

Was ist da schiefgelaufen? Ich habe mit Dutzenden Personen gesprochen, darunter Außenseiter, die Trump regelmäßig konsultiert, ehemalige Spitzenberater, Beamte der Weltgesundheitsorganisation, führende Wissenschaftler und Diplomaten sowie Persönlichkeiten im Weißen Haus. Einige wollten nicht zitiert werden.

Was sich herauskristallisiert, ist die Geschichte eines Präsidenten, der die dringlicher werdenden Geheimdienstwarnungen vom Januar ignorierte, der jeden abprallen lässt, der behauptet, mehr zu wissen als er, und der keinem traut außer einem winzigen Kreis, der von seiner Tochter Ivanka und deren Ehemann Jared Kushner angeführt wird – dem Immobilienentwickler, dem Trump zudem gestattete, die bestfinanzierte Katastrophenschutzverwaltung der Welt an den Rand zu drängen.

In den ersten drei Amtsjahren hat Trump noch keine Krise meistern müssen. Covid-19 ist jedoch viel mehr als ein Test. „Schmerzlicher als alles andere hat Trumps Umgang mit der Pandemie im In- und Ausland die Bedeutung von America First offenbart“, sagt William Burns, einst ranghöchster US-Diplomat und heute Leiter der Carnegie-Stiftung. „Amerika führt bei den Todesfällen, bei den weltweiten Infektionen, und wir steigen zum Sinnbild globaler Inkompetenz auf. Der Schaden, den Einfluss und Ruf Amerikas nehmen, wird sehr schwer wieder gutzumachen sein.“

Nur die Börse nicht verschrecken

Welche Psychologie sich hinter Trumps Untätigkeit bei Covid-19 verbirgt, war an dem Nachmittag bei der Seuchenbehörde CDC zu sehen. Am Morgen war die Arbeitslosenzahl bekannt geworden. Die USA hatten im Februar 273.000 neue Jobs geschaffen, womit die Arbeitslosenquote auf ein Rekordtief von 3,5 Prozent fiel. Die Chancen einer Wiederwahl standen für Trump 50 zu 50 oder besser. Am Samstag davor hatte Joe Biden die Vorwahl in South Carolina gewonnen. Aber der Wettbewerb der Demokraten schien noch lange nicht entschieden. Nichts durfte den Dow Jones in Schrecken versetzen.

Jegliches Signal der Vorbereitung auf eine Pandemie wurde unterbunden – jeglicher konkreter Schritt. „Zu viele Menschen zu testen, oder zu viele Beatmungsgeräte zu bestellen, hätte aus Sicht von Jared [Kushner] die Märkte verschreckt. Deshalb sollten wir es einfach nicht tun“, sagt ein Trump-Vertrauter, der häufig mit dem Präsidenten spricht. „Die Empfehlung hat ihn weit mehr beeindruckt als die Aussagen der Wissenschaftler. Er glaubt, dass sie immer übertreiben.“

Pressebriefing zur Corona-Krise im Weißen Haus: Präsident Donald Trump unterbricht seinen Berater und Schwiegersohn Jared Kushner.
Pressebriefing zur Corona-Krise im Weißen Haus: Präsident Donald Trump unterbricht seinen Berater und Schwiegersohn Jared Kushner (Foto: imago images / MediaPunch / Kevin Dietsch)

Anfang März herrschte eine geradezu ekstatische Stimmung, erinnert sich Stephen Moore von der Heritage Foundation, einem konservativen Thinktank, der auch Trumps Kampagnenberater ist. „Die Wirtschaft brummte, die Börse feuerte aus allen Rohren, und der Arbeitsmarkt war fantastisch“, sagt Moore. „Es war fast zu perfekt. Niemand hat mit diesem Virus gerechnet. Er traf uns wie ein Meteorit oder ein Terroranschlag.“

Die Menschen in Trumps Orbit vergleichen das Coronavirus gerne mit den Anschlägen vom 11. September. George W. Bush übersah die Warnsignale im Vorfeld der Al-Kaida-Angriffe auf die Zwillingstürme in New York. Aber Bush wurde nur einmal ausdrücklich vor einem möglichen Plan gewarnt – wenige Wochen bevor es geschah. „In Ordnung, Sie haben sich abgesichert“, lautete angeblich Bushs Reaktion.

Irgendwann wird der Kongress wahrscheinlich eine Untersuchung wie die 9/11-Kommission einleiten, um Trumps Verhalten in der Covid-19-Pandemie nachzuzeichnen. Sie würde ergeben, dass er unzählige Male in seinen täglichen Besprechungsrunden, von staatlichen Wissenschaftlern, von Gesundheitsminister Alex Azar, seinem Handelsberater Peter Navarro, seinem Asien-Berater Matt Pottinger, von Geschäftsfreunden und von der ganzen Welt vor der Seuchengefahr gewarnt wurde. Jeder Bericht würde wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass Zehntausende von Todesfällen hätten verhindert werden können – selbst jetzt, da Trump darauf drängt, die Staaten aus dem Lockdown zu „befreien“.

„Es ist, als wüssten wir seit Monaten, dass 9/11 passieren würde, aber nichts getan haben, um uns vorzubereiten, um dann Tage später nur mit den Schultern zu zucken und zu sagen: Naja, da können wir nicht viel machen“, sagt Gregg Gonsalves, Experte für öffentliche Gesundheit an der Universität Yale. „Trump hätte ein Massensterben verhindern können, und er hat es nicht getan.“ Fairerweise muss man sagen, dass auch andere Demokratien, insbesondere Großbritannien, Italien und Spanien, Zeit vergeudeten, weil sie sich nicht auf den nahenden Ansturm vorbereitet haben.

Egal welcher Präsident, er wäre auch durch die Lagerkämpfe in Washington schlecht bedient gewesen. So kam es im CDC während der gesamten Krise zu Missgeschicken und Fehlern. Wochenlang versuchte die Behörde, einen eigenen Test zu entwickeln, obwohl sie einfach die seit Januar in Deutschland nach WHO-Standard hergestellten Testkits hätte importieren können. „Das CDC war ein einziger Ausfall,“ konstatiert ein ehemaliger leitender Berater im Weißen Haus. „Wegen der Fehler des CDC hatten wir kein wahres Bild von der Ausbreitung der Krankheit.“

Aber auch diese Erkenntnis trägt Trumps Stempel. Er war es, der Robert Redfield zum Leiter der Behörde auswählte, obwohl es mannigfaltige Warnungen wegen der umstrittenen Vergangenheit des früheren Militäroffiziers gab. Redfield war in den 1980er-Jahren im Pentagon für die Reaktion des Militärs auf HIV-Aids verantwortlich. Es ging unter anderem darum, möglicherweise infizierte Soldaten in sogenannten HIV-Hotels zu isolieren. Viele positiv Getestete wurden unehrenhaft entlassen. Einige begingen Selbstmord. Der gläubige Katholik Redfield betrachtete Aids als Auswuchs einer unmoralischen Gesellschaft. Über Jahre propagierte er ein viel gepriesenes Heilmittel, das in Tests nicht standhielt. Das Debakel führte 1994 zu seiner Entlassung.

„Redfield ist in dieser Zeit so ziemlich die schlechteste Wahl für die Leitung des CDC, die man sich vorstellen kann“, sagt die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin Laurie Garrett, die über Epidemien schreibt. „Er lässt es zu, dass seine Vorurteile die Wissenschaft behindern; das kann man sich während einer Pandemie nicht leisten.“

„Seit Jahrzehnten war das CDC bei der Bekämpfung jeglicher Krankheiten vorne. Jetzt ist es aus dem Blickfeld verschwunden“

Laurie Garrett, ehemals Council on Foreign Relations

Von Amerikas Top-Virologen Anthony Fauci, inzwischen das Gesicht der Pandemie, ist bekannt, dass er Redfield verabscheut – und umgekehrt. In der Folge vertraten das CDC und Faucis Nationales Gesundheitsinstitut unterschiedliche Standpunkte. „Wissenschaftler, die mitten in einer Epidemie Kämpfe austragen, sind wirklich das Letzte, was man braucht“, kommentiert Kenneth Bernard, der 2004 eine Pandemieabteilung im Weißen Haus gegründet hatte. Sie wurde unter Barack Obama abgeschafft und nach dem Ebola-Ausbruch 2014 in Afrika wiederbelebt.

Wegen knapper Testkits hatten Wissenschaftler kein Bild von der schnellen Ausbreitung der Infektionen. Das CDC war gezwungen, Tests für „Verdachtsfälle“ zu reservieren ­– Personen, die in weniger als zwei Metern Kontakt mit jemandem hatten, der entweder China besucht hatte oder sich in zwei Wochen davor mit Covid-19 infiziert hatte. Die meisten Tests wurden verweigert. Kaum jemand konnte belegen, eines der Kriterien zu erfüllen. Währenddessen richteten viele Länder, darunter Deutschland, Taiwan und Südkorea, lokale Teststationen oder Drive-Through-Zentren ein – eine Option, die den meisten Amerikanern verwehrt ist.

„Sie pendeln täglich mit dem Zug oder der U-Bahn nach New York, tauchen krank in der Klinik auf, und Sie bekommen keinen Test, weil Sie nicht nachweisen können, dass in weniger als zwei Metern Abstand ein Covid-19-Infizierter stand“, sagt der ehemalige Berater. „Wahrscheinlich waren das in den zwei Wochen davor fast eine halbe Million Menschen.“

Begrenzte Testmöglichkeiten schränken die Handlungsfähigkeit ein. „Wenn Sie in einer Gemeinde erst einmal eine einprozentige Verbreitung haben, ist es zu spät für nicht-pharmazeutische Interventionen“, sagt Tom Bossert, der die inzwischen wieder aufgelöste Pandemie-Abteilung im Weißen Haus leitete. Ihm wurde 2018 von Trumps damaligem Sicherheitsberater John Bolton die Tür gewiesen.

„Wir haben früh gehandelt“

Nur fünf Tage nach Trumps CDC-Besuch, es war der 11. März, holte ihn die Realität allmählich ein. In einer Sendung aus dem Oval Office verbot Trump die Einreise aus weiten Teilen Europas – eine Ausweitung des Teilverbots vom Februar gegen China. Zwei Tage später rief er den nationalen Notstand aus. Doch schon damals hielt er daran fest, dass Amerika an Weltspitze sei. „Wir waren sehr gut, weil wir schnell gehandelt haben“, sagte er. „Wir haben früh gehandelt.“

In den nächsten 48 Stunden legte sich in Trumps Kopf jedoch ein Schalter um. Er erwähnte ein Telefongespräch mit einem seiner Söhne und sagte: „Es ist schlimm. Es ist schlimm… Sie vermuten August [bevor die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht]. Vielleicht Juli. Es könnte auch länger dauern.“ Das war am 16. März.

Elf Tage später wurde beim britischen Premierminister Boris Johnson Covid-19 diagnostiziert. Er entging knapp dem Tod. Das war Johnsons Gang nach Canossa. Viele hofften, Trump würde eine ähnliche Läuterung erfahren. Wenn ja, dann währte sie nicht lange. In der Woche darauf sprach er sich für eine Öffnung Amerikas zu Ostern am 12. April aus. „Auch ich habe ihm geraten, es zum Tag der Auferstehung zu machen“, sagt Moore. „Ich sagte damals, was ich noch jetzt denke, nämlich dass dieser Lockdown mehr Tote und Elend verursacht als die Krankheit selbst.“

Trumps Gedankengänge wurden zunehmend surreal. Er begann, das Malariamedikament Hydroxychloroquin als Heilmittel für Covid-19 anzupreisen. Bei einem seiner Fernsehauftritte, die er fünf Wochen lang täglich absolvierte, und wo er oft mehr als zwei Stunden lang ausschweifte, stellte er am 19. März das Mittel als eine potenzielle Wunderwaffe dar. Es könnte „einer der größten Wendepunkte in der Geschichte der Medizin“ sein, twitterte er im Anschluss.

Der Vertrauensvorschuss des Präsidenten stellte die Bürokratie in Washington auf den Kopf. Inspiriert war er von Fox News-Moderatoren, insbesondere Laura Ingraham, und von seinem Anwalt Rudy Giuliani, von denen keiner einen medizinischen Hintergrund hat. Wissenschaftler, die widersprachen, wurden abgestraft. Im April verlor der führende staatliche Impfstoffentwickler Rick Bright – der wohl einer der dringlichsten Aufgaben nachgeht – seinen Posten. Bright hatte Bemühungen, Hydroxychloroquin zu fördern, blockiert.

Die meisten klinischen Studien haben gezeigt, dass das Medikament keinen positiven Effekt auf Covid-19-Patienten hat und Menschen mit Herzproblemen sogar schaden kann. „Ich wurde unter Druck gesetzt, Entscheidungen von Politik und Vetternwirtschaft bestimmen zu lassen und sie über die Meinungen der besten Wissenschaftler zu stellen, die wir in der Regierung haben“, erklärte Bright. Laut einer Whistleblower-Beschwerde sollte er Verträge in Millionen-Wert an ein Unternehmen vergeben, das von einem Freund Jared Kushners kontrolliert wird. Als er sich weigerte, wurde er gefeuert. Das US-Gesundheitsministerium wies Brights Vorwürfe zurück.

Andere Wissenschaftler haben Brights Schicksal zur Kenntnis genommen. Während des Ebola-Ausbruchs 2014, als die Regierung Obama 3.000 US-Militärangehörige nach Afrika schickte, um die Epidemie zu bekämpfen, hielt das CDC täglich ein Lage-Briefing ab. In der Corona-Krise hat sie dies seit Anfang März nicht mehr getan. Wissenschaftler in ganz Washington fürchten sich, Trump zu widersprechen.

Corona-Update im Rosengarten des Weißen Hauses: Die Leiterin der Sonder-Taskforce Deborah Birx schwieg, als Trump Desinfektionsmittel zur Heilung von Covid-19 empfahl.
Corona-Update im Rosengarten des Weißen Hauses: Die Leiterin der Sonder-Taskforce Deborah Birx schwieg, als Trump Desinfektionsmittel zur Heilung von Covid-19 empfahl (Foto: imago images / ZUMA Wire / SMG)

„Alle anderen in Loyalität zu übertreffen, ist der beste Weg, seinen Job zu behalten, das bedeutet auch, dass man Quacksalberei tolerieren muss“, sagt Anthony Scaramucci, ein in Ungnade gefallener Ex-Berater von Trump und kurzzeitiger Kommunikationschef im Weißen Haus. „Man muss ihm öffentlich schmeicheln und ihm privat schmeicheln. Vor allem darf man ihm nie ein Gefühl der Unwissenheit vermitteln.“ Trump zu beraten sei wie „einem Vulkan Früchte darzubieten“, sagt ein Verwaltungsbeamter. Trump sei die Quelle der Lava. „Es ist wie ein Versuch, eine große Kraft zu besänftigen, die unempfänglich ist für Vernunft.“

Selbst nach Trumps Vorschlag Ende April, Menschen könnten Desinfektionsmittel wie Lysol oder Dettol injizieren, um Covid-19 zu stoppen oder sich zu heilen, wagte seine leitende Wissenschaftlerin und Leiterin der Corona-Taskforce Deborah Birx kein Widerwort. Die führenden Bleichmittelhersteller forderten Kunden in Erklärungen auf, Desinfektionsmittel wegen der möglichen tödlichen Folgen weder zu spritzen noch einzunehmen. Das CDC verschickte lediglich den lapidaren Tweet: „Befolgen Sie die Anweisungen auf der Packungsbeilage.“

„Meine Anrufe werden nicht erwidert“, sagt Wissenschaftsjournalistin Garrett. „Seit Jahrzehnten war das CDC bei der Bekämpfung jeglicher Krankheiten vorne. Jetzt ist es aus dem Blickfeld verschwunden.“ Ein ehemaliger Spitzenbeamter von Trump sagt: „Die Leute werden unter Trump zu Weicheiern. Wenn Sie ihm die Stirn bieten, kommen Sie nie wieder rein. Was man öffentlich sieht, bekommt man auch privat. Er ist genau derselbe.“

Trump spaltet – daheim und international

Amerikas ausländische Partner wurden ebenso scharf daran erinnert, wie Trump Geschäfte macht. Nur wenige führende westliche Politiker sind Trump ideologisch so nah wie Scott Morrison. Der australische Premier schuf zu Beginn der Epidemie ein nationales Kabinett, das mindestens einmal wöchentlich zusammenkommt. Alle Regierungschefs der Bundesstaaten aus beiden großen Parteien sind vertreten. Morrisons Kabinett der Einheit vermittelt zumindest parteiübergreifende Entschlossenheit in einem Land, das innerhalb von drei Monaten knapp 100 Menschenleben durch das Coronavirus verloren hat. An manchen Tagen hat Amerika stündlich mehr Tote zu beklagen.

Trump hingegen spielt die Gouverneure der US-Bundesstaaten gegeneinander aus, ähnlich wie er es mit seinen Mitarbeitern tut. Republikanische Bundesstaaten erhielten pro Kopf deutlich mehr Beatmungsgeräte und persönliche Schutzausrüstung als demokratische, obwohl sie eine weitaus geringere Zahl von Krankenhausaufenthalten aufweisen. Trump sagt, dass Amerika einen Krieg gegen Covid-19 führt. In der Praxis schürt er die nationale Spaltung. „Es ist, als würde man den Gouverneuren sagen, dass jeder Staat seine eigenen Panzer und Geschosse produzieren muss“, sagt Bernard. „Sie sind auf sich allein gestellt. Es ist nicht meine Verantwortung.“

Trumps Ellbogenmentalität galt dem Ausland genauso wie dem eigenen Land. Die G7-Außenminister konnten sich im März nicht auf eine Erklärung einigen, nachdem der US-Amtskollege Mike Pompeo auf der Bezeichnung „Wuhan-Virus“ bestand. Amerika lehnte es ab, an einem kürzlich von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron veranstalteten Gipfel teilzunehmen, um für die Entwicklung eines Impfstoffs zusammenzuarbeiten.

„Man dreht den Wasserschlauch nicht ab, solange es noch brennt, auch wenn man den Feuerwehrmann nicht mag“

Bernhard Schwartländer, Stabschef der WHO

Das größte Drama ist jedoch die Aussetzung der WHO-Finanzierung, weil die Organisation Chinas Lügen gedeckt haben soll. Die WHO bestätigt, dass Trump den damaligen Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus im Juni 2017 im Oval Office empfing, kurz bevor er die Leitung übernahm. Trump unterstützte seine Kandidatur.

Andere Kritiker sagen, das in Genf ansässige Gremium habe zu eilfertig Pekings Worte für bare Münze genommen. An dieser Behauptung ist etwas Wahres. „Sie hatten zu viel Angst davor, China zu brüskieren“, sagt Bernard, der zwei Jahre lang Amerikas WHO-Direktor war. Aber die Zurückhaltung der Bürokratie hielt andere Länder nicht davon ab, frühzeitig Vorkehrungen zu treffen.

Trump jedoch behauptet, die Nachlässigkeit der WHO habe die Todesrate weltweit um das „Zwanzigfache“ erhöht. In der Praxis muss sich die Organisation immer an die Vorgaben der Mitgliedsstaaten halten, vor allem die der großen, und vor allem die der USA und Chinas. Das gilt so für alle multilateralen Gremien. Dennoch rief die WHO sechs Wochen vor Trump in den USA einen internationalen Notstand aus.

WHO-Vertreter werfen Trump vor, ihre Arbeit mit seinem Schritt stark zu behindern. „Man dreht den Wasserschlauch nicht ab, solange es noch brennt, auch wenn man den Feuerwehrmann nicht mag“, sagt WHO-Kabinettschef Bernhard Schwartländer. „Dieses Virus bedroht jedes Land der Welt und wird jede Lücke in unserer Entschlossenheit ausnutzen.“ Mit anderen Worten: Das Gremium ist in den Strudel der verfeindeten Supermächte geraten.

Sündenbock und Wahlkampfhelfer

Die Schuld an Amerikas vielen Corona-Toten der WHO zuzuschieben, könnte Trumps Wahlkampf durchaus nutzen. Viele Wähler möchten nur allzu gern glauben, dass die USA ein Opfer ruchloser globaler Kräfte sind. Garrett, die früher auch Expertin für globale Gesundheit im Council on Foreign Relations war, verweist auf den weniger bekannten Roman „Inferno“ von Dan Brown, dem Autor des Bestsellers „Da Vinci Code“, in dem die WHO eine schändliche Rolle spielt.

Eine der Hauptfiguren ist eine Biologin am CFR. Während einer Pandemie entführt sie den Chef der WHO und versteckt ihn im Keller der Seuchenbehörde. Eine Militäreinheit der WHO fliegt mit einem C-130-Jet ein und rettet ihn. Tatsächlich hat die WHO keinerlei Polizeibefugnisse. „Wir sind nicht wie Interpol“, sagt Schwartländer. Sie kann ebenso wenig darauf bestehen, in Wuhan den Ursprüngen von Covid-19 nachzugehen, wie in Atlanta eindringen, um die verzögerte Herstellung eines Tests im CDC zu untersuchen.

Merkwürdige Gerüchte über das jeweils andere Land haben sowohl die USA als auch China verbreitet. Chinesische Beamte brachten die Verschwörungstheorie in Umlauf, dass die US-Armee das Virus vergangenes Jahr bei einer Leichtathletikveranstaltung in Wuhan eingeschleust habe. Beamte der Trump-Administration, darunter Pompeo, haben wiederholt suggeriert, dass Covid-19 von einer Fledermaus-zu-Mensch-Übertragung im Virologie-Labor von Wuhan stammt. Australien hat eine internationale Untersuchung über den Ursprung des neuartigen Virus gefordert. „Australien wollte Verschwörungstheorien aus beiden Ländern entkräften“, sagt Michael Fullilove, Leiter des führenden Thinktanks Lowy-Institut.

Nur Tage später lancierte Australiens „Daily Telegraph“, eine Boulevardzeitung des Medienzars Rupert Murdoch, die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Australiens, Kanadas und Neuseelands – auch „fünf Augen“ genannt – hätten offenbar herausgefunden, dass die Seuche auf das Labor in Wuhan zurückgeht, sei es durch Zufall oder Absicht. Die Geschichte scheint keine Substanz zu haben. Fauci und andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, der Erreger stamme mit ziemlicher Sicherheit von einem offenen Markt in Wuhan. Eine Akte „fünf Augen“ kennen sie nicht.

Kreisen der Geheimdienste und der australischen Regierung zufolge war die Quelle des „Daily Telegraph“ wahrscheinlich die US-Botschaft in Canberra. Die Veröffentlichung machte jede Chance zunichte, dass Peking einer internationalen Untersuchung zustimmen würde – und auch Australiens Hoffnung, die Spannungen zwischen Washington und Peking zu entschärfen. „Früher dachten wir an Amerika als die führende Weltmacht und nicht als das Epizentrum einer Krankheit“, sagt Fullilove, ein glühender Pro-Amerikaner. „Wir fühlen uns zunehmend gefangen zwischen einem rücksichtslosen China und einem nutzlosen Amerika, das sich nicht mehr um seine Verbündeten zu kümmern scheint.“

Was zählt ist die Wirtschaft

Wie geht es nun weiter mit der amerikanischen Pandemie-Geschichte? Zu Beginn seiner halbherzigen Kehrtwende sagte Trump, Wissenschaftler hätten ihn gewarnt, dass bis zu 2,5 Millionen Amerikaner an der Krankheit sterben könnten. Jüngste Schätzungen gehen bis Ende Juli von 135.000 Fällen mit Todesfolge aus. Das hat in zweifacher Sicht Bedeutung.

Erstens wird Trump den Wählern sagen, er habe Millionen von Leben gerettet. Zweitens wird er weiter aggressiv darauf bestehen, dass die US-Bundesstaaten ihre Kontaktsperren aufheben sollen. Sein übergeordnetes Ziel ist es, die Wirtschaft vor den Wahlen wiederzubeleben. Trump wie Kushner haben ihre Mission im Kampf gegen die Pandemie praktisch für erfüllt erklärt. „Dies ist eine große Erfolgsgeschichte“, sagte Kushner Ende April. „Wir haben gewonnen“, sagte Trump Mitte Mai.

Ökonomen halten indes eine rasche V-förmige Erholung nach dem Abschwung für unwahrscheinlich. Wenn, dann könnten es auch zwei aufeinanderfolgende V‘s sein – also ein W. Der Preis für die erhöhten sozialen Kontakte, die mit einer kurzfristigen wirtschaftlichen Lockerung einhergehen, dürfte ein zweite Infektionswelle sein. Beginnt das zweite V erst nach November, könnte Trump wiedergewählt werden.

„Trump hat gar keine Wahl“, sagt Charlie Black, ein republikanischer Spitzenberater und Lobbyist. „Was zählt ist die Wirtschaft, sonst nichts. Er kann nicht wirklich seine Persönlichkeit ins Feld führen.“ Der Schwerpunkt von Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon war etwas anders: „In Trumps Kampagne wird es um China, China, China gehen“, sagte er. Und hoffentlich um eine wieder an Fahrt gewinnende Wirtschaft.

In der Zwischenzeit wird Trump wahrscheinlich weiter mit Aussichten auf Wunderheilmittel jonglieren. Wöchentlich wiederholt er seit Beginn des Ausbruchs, dass ein Impfstoff in Reichweite sei. Zuletzt setzte er dabei auf Juli, obwohl es wissenschaftlicher Konsens ist, dass es bestenfalls ein Jahr bis 18 Monate dauert, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Selbst das würde alle Rekorde brechen. Die schnellste Entwicklung dauerte vier Jahre für ein Serum gegen Mumps in den 1960er-Jahren.

„Wir fühlen uns zunehmend gefangen zwischen einem rücksichtslosen China und einem nutzlosen Amerika, das sich nicht mehr um seine Verbündeten zu kümmern scheint“

Michael Fullilove, Leiter des australischen Lowy-Instituts
Zitat Fullilove

Trump hat sich vorerst davon überzeugen lassen, seine täglichen Briefings einzustellen. Nach internen Umfragen des Weißen Hauses ist sein zweistelliger Vorsprung auf den Gegner Biden unter Amerikanern, die über 65 Jahre alt sind, geschwunden. Wie sich zeigt, sind Rentner keine Anhänger von Herdenimmunität.

Freunde des Präsidenten suchen nach Wegen zurück in eine Art Normalität, ohne einen Anstieg der Todesopfer zu provozieren. Nach einem ersten Anstieg im März sind Trumps Beliebtheitswerte im vergangenen Monat stetig gesunken. In den nächsten sechs Monaten wird das epidemiologische Schicksal Amerikas von der unberechenbaren Wahlstrategie seines Präsidenten bestimmt. Darüber macht sich wachsende Verzweiflung breit.

„Trump ist gefangen in einem Raum, der immer kleiner wird“, sagt George Conway, ein republikanischer Anwalt und Ehemann von Kellyanne Conway, einer führenden Trump-Beraterin. „Ich halte ihn für einen Psychopathen und bösartigen Narzissten. Wenn ein Mensch mit diesen Störungen das Gefühl bekommt, die Außenwelt rücke ihm auf die Pelle, verstärkt das die Tendenz. Er schlägt um sich, phantasiert und verliert jegliche Fähigkeit, rational zu denken.“ Conway ist dafür bekannt, dass er Trump auf Twitter hämisch kommentiert (sehr erfolgreich übrigens: Trump schlägt oft zurück).

Doch ausnahmslos alle meine Gesprächspartner, einschließlich der glühendsten Trump-Loyalisten, brachten es auf einen ähnlichen Punkt wie Conway. Trump ist taub für Ratschläge, sagt der eine. Er ist sich selbst der ärgste Feind, sagt ein anderer. Er höre nur auf die Familie, sagt ein Dritter. Er ist geistig unausgeglichen, sagt ein Vierter. Mit anderen Worten: Amerika sollte sich auf ein turbulentes Halbjahr einstellen – ohne Gewähr für eine sichere Landung.

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