Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

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Sündenbock und Wahlkampfhelfer

Die Schuld an Amerikas vielen Corona-Toten der WHO zuzuschieben, könnte Trumps Wahlkampf durchaus nutzen. Viele Wähler möchten nur allzu gern glauben, dass die USA ein Opfer ruchloser globaler Kräfte sind. Garrett, die früher auch Expertin für globale Gesundheit im Council on Foreign Relations war, verweist auf den weniger bekannten Roman „Inferno“ von Dan Brown, dem Autor des Bestsellers „Da Vinci Code“, in dem die WHO eine schändliche Rolle spielt.

Eine der Hauptfiguren ist eine Biologin am CFR. Während einer Pandemie entführt sie den Chef der WHO und versteckt ihn im Keller der Seuchenbehörde. Eine Militäreinheit der WHO fliegt mit einem C-130-Jet ein und rettet ihn. Tatsächlich hat die WHO keinerlei Polizeibefugnisse. „Wir sind nicht wie Interpol“, sagt Schwartländer. Sie kann ebenso wenig darauf bestehen, in Wuhan den Ursprüngen von Covid-19 nachzugehen, wie in Atlanta eindringen, um die verzögerte Herstellung eines Tests im CDC zu untersuchen.

Merkwürdige Gerüchte über das jeweils andere Land haben sowohl die USA als auch China verbreitet. Chinesische Beamte brachten die Verschwörungstheorie in Umlauf, dass die US-Armee das Virus vergangenes Jahr bei einer Leichtathletikveranstaltung in Wuhan eingeschleust habe. Beamte der Trump-Administration, darunter Pompeo, haben wiederholt suggeriert, dass Covid-19 von einer Fledermaus-zu-Mensch-Übertragung im Virologie-Labor von Wuhan stammt. Australien hat eine internationale Untersuchung über den Ursprung des neuartigen Virus gefordert. „Australien wollte Verschwörungstheorien aus beiden Ländern entkräften“, sagt Michael Fullilove, Leiter des führenden Thinktanks Lowy-Institut.

Nur Tage später lancierte Australiens „Daily Telegraph“, eine Boulevardzeitung des Medienzars Rupert Murdoch, die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Australiens, Kanadas und Neuseelands – auch „fünf Augen“ genannt – hätten offenbar herausgefunden, dass die Seuche auf das Labor in Wuhan zurückgeht, sei es durch Zufall oder Absicht. Die Geschichte scheint keine Substanz zu haben. Fauci und andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, der Erreger stamme mit ziemlicher Sicherheit von einem offenen Markt in Wuhan. Eine Akte „fünf Augen“ kennen sie nicht.

Kreisen der Geheimdienste und der australischen Regierung zufolge war die Quelle des „Daily Telegraph“ wahrscheinlich die US-Botschaft in Canberra. Die Veröffentlichung machte jede Chance zunichte, dass Peking einer internationalen Untersuchung zustimmen würde – und auch Australiens Hoffnung, die Spannungen zwischen Washington und Peking zu entschärfen. „Früher dachten wir an Amerika als die führende Weltmacht und nicht als das Epizentrum einer Krankheit“, sagt Fullilove, ein glühender Pro-Amerikaner. „Wir fühlen uns zunehmend gefangen zwischen einem rücksichtslosen China und einem nutzlosen Amerika, das sich nicht mehr um seine Verbündeten zu kümmern scheint.“

Was zählt ist die Wirtschaft

Wie geht es nun weiter mit der amerikanischen Pandemie-Geschichte? Zu Beginn seiner halbherzigen Kehrtwende sagte Trump, Wissenschaftler hätten ihn gewarnt, dass bis zu 2,5 Millionen Amerikaner an der Krankheit sterben könnten. Jüngste Schätzungen gehen bis Ende Juli von 135.000 Fällen mit Todesfolge aus. Das hat in zweifacher Sicht Bedeutung.

Erstens wird Trump den Wählern sagen, er habe Millionen von Leben gerettet. Zweitens wird er weiter aggressiv darauf bestehen, dass die US-Bundesstaaten ihre Kontaktsperren aufheben sollen. Sein übergeordnetes Ziel ist es, die Wirtschaft vor den Wahlen wiederzubeleben. Trump wie Kushner haben ihre Mission im Kampf gegen die Pandemie praktisch für erfüllt erklärt. „Dies ist eine große Erfolgsgeschichte“, sagte Kushner Ende April. „Wir haben gewonnen“, sagte Trump Mitte Mai.

Ökonomen halten indes eine rasche V-förmige Erholung nach dem Abschwung für unwahrscheinlich. Wenn, dann könnten es auch zwei aufeinanderfolgende V‘s sein – also ein W. Der Preis für die erhöhten sozialen Kontakte, die mit einer kurzfristigen wirtschaftlichen Lockerung einhergehen, dürfte ein zweite Infektionswelle sein. Beginnt das zweite V erst nach November, könnte Trump wiedergewählt werden.

„Trump hat gar keine Wahl“, sagt Charlie Black, ein republikanischer Spitzenberater und Lobbyist. „Was zählt ist die Wirtschaft, sonst nichts. Er kann nicht wirklich seine Persönlichkeit ins Feld führen.“ Der Schwerpunkt von Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon war etwas anders: „In Trumps Kampagne wird es um China, China, China gehen“, sagte er. Und hoffentlich um eine wieder an Fahrt gewinnende Wirtschaft.

In der Zwischenzeit wird Trump wahrscheinlich weiter mit Aussichten auf Wunderheilmittel jonglieren. Wöchentlich wiederholt er seit Beginn des Ausbruchs, dass ein Impfstoff in Reichweite sei. Zuletzt setzte er dabei auf Juli, obwohl es wissenschaftlicher Konsens ist, dass es bestenfalls ein Jahr bis 18 Monate dauert, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Selbst das würde alle Rekorde brechen. Die schnellste Entwicklung dauerte vier Jahre für ein Serum gegen Mumps in den 1960er-Jahren.

„Wir fühlen uns zunehmend gefangen zwischen einem rücksichtslosen China und einem nutzlosen Amerika, das sich nicht mehr um seine Verbündeten zu kümmern scheint“

Michael Fullilove, Leiter des australischen Lowy-Instituts
Zitat Fullilove

Trump hat sich vorerst davon überzeugen lassen, seine täglichen Briefings einzustellen. Nach internen Umfragen des Weißen Hauses ist sein zweistelliger Vorsprung auf den Gegner Biden unter Amerikanern, die über 65 Jahre alt sind, geschwunden. Wie sich zeigt, sind Rentner keine Anhänger von Herdenimmunität.

Freunde des Präsidenten suchen nach Wegen zurück in eine Art Normalität, ohne einen Anstieg der Todesopfer zu provozieren. Nach einem ersten Anstieg im März sind Trumps Beliebtheitswerte im vergangenen Monat stetig gesunken. In den nächsten sechs Monaten wird das epidemiologische Schicksal Amerikas von der unberechenbaren Wahlstrategie seines Präsidenten bestimmt. Darüber macht sich wachsende Verzweiflung breit.

„Trump ist gefangen in einem Raum, der immer kleiner wird“, sagt George Conway, ein republikanischer Anwalt und Ehemann von Kellyanne Conway, einer führenden Trump-Beraterin. „Ich halte ihn für einen Psychopathen und bösartigen Narzissten. Wenn ein Mensch mit diesen Störungen das Gefühl bekommt, die Außenwelt rücke ihm auf die Pelle, verstärkt das die Tendenz. Er schlägt um sich, phantasiert und verliert jegliche Fähigkeit, rational zu denken.“ Conway ist dafür bekannt, dass er Trump auf Twitter hämisch kommentiert (sehr erfolgreich übrigens: Trump schlägt oft zurück).

Doch ausnahmslos alle meine Gesprächspartner, einschließlich der glühendsten Trump-Loyalisten, brachten es auf einen ähnlichen Punkt wie Conway. Trump ist taub für Ratschläge, sagt der eine. Er ist sich selbst der ärgste Feind, sagt ein anderer. Er höre nur auf die Familie, sagt ein Dritter. Er ist geistig unausgeglichen, sagt ein Vierter. Mit anderen Worten: Amerika sollte sich auf ein turbulentes Halbjahr einstellen – ohne Gewähr für eine sichere Landung.

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