Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

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Corona-Update im Rosengarten des Weißen Hauses: Die Leiterin der Sonder-Taskforce Deborah Birx schwieg, als Trump Desinfektionsmittel zur Heilung von Covid-19 empfahl.
Corona-Update im Rosengarten des Weißen Hauses: Die Leiterin der Sonder-Taskforce Deborah Birx schwieg, als Trump Desinfektionsmittel zur Heilung von Covid-19 empfahl (Foto: imago images / ZUMA Wire / SMG)

„Alle anderen in Loyalität zu übertreffen, ist der beste Weg, seinen Job zu behalten, das bedeutet auch, dass man Quacksalberei tolerieren muss“, sagt Anthony Scaramucci, ein in Ungnade gefallener Ex-Berater von Trump und kurzzeitiger Kommunikationschef im Weißen Haus. „Man muss ihm öffentlich schmeicheln und ihm privat schmeicheln. Vor allem darf man ihm nie ein Gefühl der Unwissenheit vermitteln.“ Trump zu beraten sei wie „einem Vulkan Früchte darzubieten“, sagt ein Verwaltungsbeamter. Trump sei die Quelle der Lava. „Es ist wie ein Versuch, eine große Kraft zu besänftigen, die unempfänglich ist für Vernunft.“

Selbst nach Trumps Vorschlag Ende April, Menschen könnten Desinfektionsmittel wie Lysol oder Dettol injizieren, um Covid-19 zu stoppen oder sich zu heilen, wagte seine leitende Wissenschaftlerin und Leiterin der Corona-Taskforce Deborah Birx kein Widerwort. Die führenden Bleichmittelhersteller forderten Kunden in Erklärungen auf, Desinfektionsmittel wegen der möglichen tödlichen Folgen weder zu spritzen noch einzunehmen. Das CDC verschickte lediglich den lapidaren Tweet: „Befolgen Sie die Anweisungen auf der Packungsbeilage.“

„Meine Anrufe werden nicht erwidert“, sagt Wissenschaftsjournalistin Garrett. „Seit Jahrzehnten war das CDC bei der Bekämpfung jeglicher Krankheiten vorne. Jetzt ist es aus dem Blickfeld verschwunden.“ Ein ehemaliger Spitzenbeamter von Trump sagt: „Die Leute werden unter Trump zu Weicheiern. Wenn Sie ihm die Stirn bieten, kommen Sie nie wieder rein. Was man öffentlich sieht, bekommt man auch privat. Er ist genau derselbe.“

Trump spaltet – daheim und international

Amerikas ausländische Partner wurden ebenso scharf daran erinnert, wie Trump Geschäfte macht. Nur wenige führende westliche Politiker sind Trump ideologisch so nah wie Scott Morrison. Der australische Premier schuf zu Beginn der Epidemie ein nationales Kabinett, das mindestens einmal wöchentlich zusammenkommt. Alle Regierungschefs der Bundesstaaten aus beiden großen Parteien sind vertreten. Morrisons Kabinett der Einheit vermittelt zumindest parteiübergreifende Entschlossenheit in einem Land, das innerhalb von drei Monaten knapp 100 Menschenleben durch das Coronavirus verloren hat. An manchen Tagen hat Amerika stündlich mehr Tote zu beklagen.

Trump hingegen spielt die Gouverneure der US-Bundesstaaten gegeneinander aus, ähnlich wie er es mit seinen Mitarbeitern tut. Republikanische Bundesstaaten erhielten pro Kopf deutlich mehr Beatmungsgeräte und persönliche Schutzausrüstung als demokratische, obwohl sie eine weitaus geringere Zahl von Krankenhausaufenthalten aufweisen. Trump sagt, dass Amerika einen Krieg gegen Covid-19 führt. In der Praxis schürt er die nationale Spaltung. „Es ist, als würde man den Gouverneuren sagen, dass jeder Staat seine eigenen Panzer und Geschosse produzieren muss“, sagt Bernard. „Sie sind auf sich allein gestellt. Es ist nicht meine Verantwortung.“

Trumps Ellbogenmentalität galt dem Ausland genauso wie dem eigenen Land. Die G7-Außenminister konnten sich im März nicht auf eine Erklärung einigen, nachdem der US-Amtskollege Mike Pompeo auf der Bezeichnung „Wuhan-Virus“ bestand. Amerika lehnte es ab, an einem kürzlich von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron veranstalteten Gipfel teilzunehmen, um für die Entwicklung eines Impfstoffs zusammenzuarbeiten.

„Man dreht den Wasserschlauch nicht ab, solange es noch brennt, auch wenn man den Feuerwehrmann nicht mag“

Bernhard Schwartländer, Stabschef der WHO

Das größte Drama ist jedoch die Aussetzung der WHO-Finanzierung, weil die Organisation Chinas Lügen gedeckt haben soll. Die WHO bestätigt, dass Trump den damaligen Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus im Juni 2017 im Oval Office empfing, kurz bevor er die Leitung übernahm. Trump unterstützte seine Kandidatur.

Andere Kritiker sagen, das in Genf ansässige Gremium habe zu eilfertig Pekings Worte für bare Münze genommen. An dieser Behauptung ist etwas Wahres. „Sie hatten zu viel Angst davor, China zu brüskieren“, sagt Bernard, der zwei Jahre lang Amerikas WHO-Direktor war. Aber die Zurückhaltung der Bürokratie hielt andere Länder nicht davon ab, frühzeitig Vorkehrungen zu treffen.

Trump jedoch behauptet, die Nachlässigkeit der WHO habe die Todesrate weltweit um das „Zwanzigfache“ erhöht. In der Praxis muss sich die Organisation immer an die Vorgaben der Mitgliedsstaaten halten, vor allem die der großen, und vor allem die der USA und Chinas. Das gilt so für alle multilateralen Gremien. Dennoch rief die WHO sechs Wochen vor Trump in den USA einen internationalen Notstand aus.

WHO-Vertreter werfen Trump vor, ihre Arbeit mit seinem Schritt stark zu behindern. „Man dreht den Wasserschlauch nicht ab, solange es noch brennt, auch wenn man den Feuerwehrmann nicht mag“, sagt WHO-Kabinettschef Bernhard Schwartländer. „Dieses Virus bedroht jedes Land der Welt und wird jede Lücke in unserer Entschlossenheit ausnutzen.“ Mit anderen Worten: Das Gremium ist in den Strudel der verfeindeten Supermächte geraten.