Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

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Wegen knapper Testkits hatten Wissenschaftler kein Bild von der schnellen Ausbreitung der Infektionen. Das CDC war gezwungen, Tests für „Verdachtsfälle“ zu reservieren ­– Personen, die in weniger als zwei Metern Kontakt mit jemandem hatten, der entweder China besucht hatte oder sich in zwei Wochen davor mit Covid-19 infiziert hatte. Die meisten Tests wurden verweigert. Kaum jemand konnte belegen, eines der Kriterien zu erfüllen. Währenddessen richteten viele Länder, darunter Deutschland, Taiwan und Südkorea, lokale Teststationen oder Drive-Through-Zentren ein – eine Option, die den meisten Amerikanern verwehrt ist.

„Sie pendeln täglich mit dem Zug oder der U-Bahn nach New York, tauchen krank in der Klinik auf, und Sie bekommen keinen Test, weil Sie nicht nachweisen können, dass in weniger als zwei Metern Abstand ein Covid-19-Infizierter stand“, sagt der ehemalige Berater. „Wahrscheinlich waren das in den zwei Wochen davor fast eine halbe Million Menschen.“

Begrenzte Testmöglichkeiten schränken die Handlungsfähigkeit ein. „Wenn Sie in einer Gemeinde erst einmal eine einprozentige Verbreitung haben, ist es zu spät für nicht-pharmazeutische Interventionen“, sagt Tom Bossert, der die inzwischen wieder aufgelöste Pandemie-Abteilung im Weißen Haus leitete. Ihm wurde 2018 von Trumps damaligem Sicherheitsberater John Bolton die Tür gewiesen.

„Wir haben früh gehandelt“

Nur fünf Tage nach Trumps CDC-Besuch, es war der 11. März, holte ihn die Realität allmählich ein. In einer Sendung aus dem Oval Office verbot Trump die Einreise aus weiten Teilen Europas – eine Ausweitung des Teilverbots vom Februar gegen China. Zwei Tage später rief er den nationalen Notstand aus. Doch schon damals hielt er daran fest, dass Amerika an Weltspitze sei. „Wir waren sehr gut, weil wir schnell gehandelt haben“, sagte er. „Wir haben früh gehandelt.“

In den nächsten 48 Stunden legte sich in Trumps Kopf jedoch ein Schalter um. Er erwähnte ein Telefongespräch mit einem seiner Söhne und sagte: „Es ist schlimm. Es ist schlimm… Sie vermuten August [bevor die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht]. Vielleicht Juli. Es könnte auch länger dauern.“ Das war am 16. März.

Elf Tage später wurde beim britischen Premierminister Boris Johnson Covid-19 diagnostiziert. Er entging knapp dem Tod. Das war Johnsons Gang nach Canossa. Viele hofften, Trump würde eine ähnliche Läuterung erfahren. Wenn ja, dann währte sie nicht lange. In der Woche darauf sprach er sich für eine Öffnung Amerikas zu Ostern am 12. April aus. „Auch ich habe ihm geraten, es zum Tag der Auferstehung zu machen“, sagt Moore. „Ich sagte damals, was ich noch jetzt denke, nämlich dass dieser Lockdown mehr Tote und Elend verursacht als die Krankheit selbst.“

Trumps Gedankengänge wurden zunehmend surreal. Er begann, das Malariamedikament Hydroxychloroquin als Heilmittel für Covid-19 anzupreisen. Bei einem seiner Fernsehauftritte, die er fünf Wochen lang täglich absolvierte, und wo er oft mehr als zwei Stunden lang ausschweifte, stellte er am 19. März das Mittel als eine potenzielle Wunderwaffe dar. Es könnte „einer der größten Wendepunkte in der Geschichte der Medizin“ sein, twitterte er im Anschluss.

Der Vertrauensvorschuss des Präsidenten stellte die Bürokratie in Washington auf den Kopf. Inspiriert war er von Fox News-Moderatoren, insbesondere Laura Ingraham, und von seinem Anwalt Rudy Giuliani, von denen keiner einen medizinischen Hintergrund hat. Wissenschaftler, die widersprachen, wurden abgestraft. Im April verlor der führende staatliche Impfstoffentwickler Rick Bright – der wohl einer der dringlichsten Aufgaben nachgeht – seinen Posten. Bright hatte Bemühungen, Hydroxychloroquin zu fördern, blockiert.

Die meisten klinischen Studien haben gezeigt, dass das Medikament keinen positiven Effekt auf Covid-19-Patienten hat und Menschen mit Herzproblemen sogar schaden kann. „Ich wurde unter Druck gesetzt, Entscheidungen von Politik und Vetternwirtschaft bestimmen zu lassen und sie über die Meinungen der besten Wissenschaftler zu stellen, die wir in der Regierung haben“, erklärte Bright. Laut einer Whistleblower-Beschwerde sollte er Verträge in Millionen-Wert an ein Unternehmen vergeben, das von einem Freund Jared Kushners kontrolliert wird. Als er sich weigerte, wurde er gefeuert. Das US-Gesundheitsministerium wies Brights Vorwürfe zurück.

Andere Wissenschaftler haben Brights Schicksal zur Kenntnis genommen. Während des Ebola-Ausbruchs 2014, als die Regierung Obama 3.000 US-Militärangehörige nach Afrika schickte, um die Epidemie zu bekämpfen, hielt das CDC täglich ein Lage-Briefing ab. In der Corona-Krise hat sie dies seit Anfang März nicht mehr getan. Wissenschaftler in ganz Washington fürchten sich, Trump zu widersprechen.