Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

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Nur die Börse nicht verschrecken

Welche Psychologie sich hinter Trumps Untätigkeit bei Covid-19 verbirgt, war an dem Nachmittag bei der Seuchenbehörde CDC zu sehen. Am Morgen war die Arbeitslosenzahl bekannt geworden. Die USA hatten im Februar 273.000 neue Jobs geschaffen, womit die Arbeitslosenquote auf ein Rekordtief von 3,5 Prozent fiel. Die Chancen einer Wiederwahl standen für Trump 50 zu 50 oder besser. Am Samstag davor hatte Joe Biden die Vorwahl in South Carolina gewonnen. Aber der Wettbewerb der Demokraten schien noch lange nicht entschieden. Nichts durfte den Dow Jones in Schrecken versetzen.

Jegliches Signal der Vorbereitung auf eine Pandemie wurde unterbunden – jeglicher konkreter Schritt. „Zu viele Menschen zu testen, oder zu viele Beatmungsgeräte zu bestellen, hätte aus Sicht von Jared [Kushner] die Märkte verschreckt. Deshalb sollten wir es einfach nicht tun“, sagt ein Trump-Vertrauter, der häufig mit dem Präsidenten spricht. „Die Empfehlung hat ihn weit mehr beeindruckt als die Aussagen der Wissenschaftler. Er glaubt, dass sie immer übertreiben.“

Pressebriefing zur Corona-Krise im Weißen Haus: Präsident Donald Trump unterbricht seinen Berater und Schwiegersohn Jared Kushner.
Pressebriefing zur Corona-Krise im Weißen Haus: Präsident Donald Trump unterbricht seinen Berater und Schwiegersohn Jared Kushner (Foto: imago images / MediaPunch / Kevin Dietsch)

Anfang März herrschte eine geradezu ekstatische Stimmung, erinnert sich Stephen Moore von der Heritage Foundation, einem konservativen Thinktank, der auch Trumps Kampagnenberater ist. „Die Wirtschaft brummte, die Börse feuerte aus allen Rohren, und der Arbeitsmarkt war fantastisch“, sagt Moore. „Es war fast zu perfekt. Niemand hat mit diesem Virus gerechnet. Er traf uns wie ein Meteorit oder ein Terroranschlag.“

Die Menschen in Trumps Orbit vergleichen das Coronavirus gerne mit den Anschlägen vom 11. September. George W. Bush übersah die Warnsignale im Vorfeld der Al-Kaida-Angriffe auf die Zwillingstürme in New York. Aber Bush wurde nur einmal ausdrücklich vor einem möglichen Plan gewarnt – wenige Wochen bevor es geschah. „In Ordnung, Sie haben sich abgesichert“, lautete angeblich Bushs Reaktion.

Irgendwann wird der Kongress wahrscheinlich eine Untersuchung wie die 9/11-Kommission einleiten, um Trumps Verhalten in der Covid-19-Pandemie nachzuzeichnen. Sie würde ergeben, dass er unzählige Male in seinen täglichen Besprechungsrunden, von staatlichen Wissenschaftlern, von Gesundheitsminister Alex Azar, seinem Handelsberater Peter Navarro, seinem Asien-Berater Matt Pottinger, von Geschäftsfreunden und von der ganzen Welt vor der Seuchengefahr gewarnt wurde. Jeder Bericht würde wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass Zehntausende von Todesfällen hätten verhindert werden können – selbst jetzt, da Trump darauf drängt, die Staaten aus dem Lockdown zu „befreien“.

„Es ist, als wüssten wir seit Monaten, dass 9/11 passieren würde, aber nichts getan haben, um uns vorzubereiten, um dann Tage später nur mit den Schultern zu zucken und zu sagen: Naja, da können wir nicht viel machen“, sagt Gregg Gonsalves, Experte für öffentliche Gesundheit an der Universität Yale. „Trump hätte ein Massensterben verhindern können, und er hat es nicht getan.“ Fairerweise muss man sagen, dass auch andere Demokratien, insbesondere Großbritannien, Italien und Spanien, Zeit vergeudeten, weil sie sich nicht auf den nahenden Ansturm vorbereitet haben.

Egal welcher Präsident, er wäre auch durch die Lagerkämpfe in Washington schlecht bedient gewesen. So kam es im CDC während der gesamten Krise zu Missgeschicken und Fehlern. Wochenlang versuchte die Behörde, einen eigenen Test zu entwickeln, obwohl sie einfach die seit Januar in Deutschland nach WHO-Standard hergestellten Testkits hätte importieren können. „Das CDC war ein einziger Ausfall,“ konstatiert ein ehemaliger leitender Berater im Weißen Haus. „Wegen der Fehler des CDC hatten wir kein wahres Bild von der Ausbreitung der Krankheit.“

Aber auch diese Erkenntnis trägt Trumps Stempel. Er war es, der Robert Redfield zum Leiter der Behörde auswählte, obwohl es mannigfaltige Warnungen wegen der umstrittenen Vergangenheit des früheren Militäroffiziers gab. Redfield war in den 1980er-Jahren im Pentagon für die Reaktion des Militärs auf HIV-Aids verantwortlich. Es ging unter anderem darum, möglicherweise infizierte Soldaten in sogenannten HIV-Hotels zu isolieren. Viele positiv Getestete wurden unehrenhaft entlassen. Einige begingen Selbstmord. Der gläubige Katholik Redfield betrachtete Aids als Auswuchs einer unmoralischen Gesellschaft. Über Jahre propagierte er ein viel gepriesenes Heilmittel, das in Tests nicht standhielt. Das Debakel führte 1994 zu seiner Entlassung.

„Redfield ist in dieser Zeit so ziemlich die schlechteste Wahl für die Leitung des CDC, die man sich vorstellen kann“, sagt die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin Laurie Garrett, die über Epidemien schreibt. „Er lässt es zu, dass seine Vorurteile die Wissenschaft behindern; das kann man sich während einer Pandemie nicht leisten.“

„Seit Jahrzehnten war das CDC bei der Bekämpfung jeglicher Krankheiten vorne. Jetzt ist es aus dem Blickfeld verschwunden“

Laurie Garrett, ehemals Council on Foreign Relations

Von Amerikas Top-Virologen Anthony Fauci, inzwischen das Gesicht der Pandemie, ist bekannt, dass er Redfield verabscheut – und umgekehrt. In der Folge vertraten das CDC und Faucis Nationales Gesundheitsinstitut unterschiedliche Standpunkte. „Wissenschaftler, die mitten in einer Epidemie Kämpfe austragen, sind wirklich das Letzte, was man braucht“, kommentiert Kenneth Bernard, der 2004 eine Pandemieabteilung im Weißen Haus gegründet hatte. Sie wurde unter Barack Obama abgeschafft und nach dem Ebola-Ausbruch 2014 in Afrika wiederbelebt.