BilanzskandalHarry Markopolos: der Mann, vor dem General Electric zittert

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2004 verlässt Markopolos die Investmentfirma, frustriert von „all der Korruption“, die er an der Wall Street erlebt. Er beginnt, als Betrugsermittler für Anwaltskanzleien zu arbeiten. Doch Madoff lässt ihn nicht los. Immer wieder nimmt er – erfolglos – Kontakt zu Behörden und Medien auf. Am Ende ist es die Finanzkrise, die Madoff im Dezember 2008 in die Knie zwingt. Er kann sein System nicht mehr mit frischem Geld versorgen. Im Jahr darauf wird er zu 150 Jahren Haft verurteilt.

Markopolos hatte recht – und wird nun gefeiert wie ein Held. Er sagt vor dem Kongress aus, wo er der SEC „verwerfliches Versagen“ vorwirft und erklärt, er habe „für unsere Flagge, für den Patriotismus“ gehandelt.

Die SEC steht unter massivem Druck, sich zu reformieren. Eine der wichtigsten Änderungen ist die Einrichtung eines Geld-für-Tipps-Programms, für das sich Markopolos starkgemacht hat: Die Behörde kann Whistleblower nun belohnen, wenn dank deren Hinweisen Betrügereien aufgedeckt werden – sie können zwischen zehn und 30 Prozent der Strafsumme bekommen. Das bewährt sich – inzwischen gehen mehrere Tausend Tipps pro Jahr ein – und lässt eine eigene Industrie aus Anwälten und Detektiven entstehen, die Whistleblower systematisch rekrutieren, um an das Geld der SEC zu kommen. Mittendrin in dem neuen Markt: Harry Markopolos.

General Electric ist das erste Opfer

Er beschäftigt sich jetzt mit unterfinanzierten Pensionsrücklagen des Bostoner Nahverkehrsbetreibers, mit Betrug im öffentlich finanzierten Gesundheitssystem für Ältere und der mutmaßlich frisierten Bilanz des Versicherers AmTrust. Auch an der Aufdeckung eines Bankenskandals ist er beteiligt – die Institute State Street und BNY Mellon hatten Kunden bei Fremdwährungsgeschäften benachteiligt und zahlten dafür 530 beziehungsweise 714 Mio. Dollar Strafe. An die 100 Mio. davon stünden seinem Team zu, erklärt Markopolos Ende 2018, doch die Entscheidung darüber ziehe sich seit Jahren hin. „Ich vertraue nicht darauf, dass die SEC uns zeitnah auszahlt.“ Er werde daher seine Strategie ändern und nun börsengelistete Unternehmen ins Visier nehmen – bezahlt von Shortsellern, die auf fallende Kurse setzen. Das erlaube es ihm, „im gleichen Jahr bezahlt zu werden, in dem ich meine Arbeit verrichte“.

Das erste Opfer, das sich Markopolos’ in Puerto Rico registrierte Firma zusammen mit einem ungenannten US-Hedgefonds aussucht, ist General Electric. Am Tag der Veröffentlichung seines Reports gibt die Aktie um mehr als elf Prozent nach, um sich nach ein paar Tagen wieder etwas zu erholen. Markopolos sieht sich Kritik und Unverständnis ausgesetzt – mal wieder. Der Madoff-Jäger habe „seine Berühmtheit ausgenutzt, um neues Licht auf ein altbekanntes Problem bei GE zu werfen“, meint ein Händler. Die meisten Analysten und Investoren stellen sich auf die Seite von GE: Ja, es gebe Probleme, aber keine existenzgefährdenden.

Vielleicht will aber auch niemand wahrhaben, wie schlecht es GE wirklich geht. Denn ginge der Industriekoloss in die Knie, käme das einer zweiten Lehman-Pleite gleich – nur mit viel mehr Arbeitsplätzen. Spätestens wenn die Konjunktur abkühlt, dürfte sich zeigen, wer recht hat.

Ein Ziel hat Markopolos bereits erreicht. Am Kursrutsch dürfte der mit ihm kooperierende Hedgefonds gut verdient haben – und somit auch er selbst. Vielleicht hat er nun längst ein neues Ziel vor Augen. Über einen Mittelsmann gelingt es, ihm eine Gesprächsanfrage zukommen zu lassen. Er sei an weiteren Interviews nicht interessiert, schreibt er zurück. „Ich nehme den Rest des Jahres frei – hoffentlich.“ So entspannt kann wohl nur jemand reagieren, der schon mal ein Jahrzehnt lang darauf gewartet hat, recht zu bekommen.

 


Der Beitrag ist in Capital 10/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay