BilanzskandalHarry Markopolos: der Mann, vor dem General Electric zittert

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Das Logo von General Electric an der Fassade der Konzernzentrale in Cincinnati steht für einen 126 Jahre alten Industrieriesen. Der angekündigte Umbau kommt einer Zerschlagung gleich.
Auch ohne Markopolos-Report steht GE nicht gut da (Foto: Getty Images)

Das sei bei Weitem nicht genug, sagt Markopolos, der sich für seine Berechnungen auf Zahlen aus öffentlich zugänglichen Quellen verlassen hat – Insidertipps hat er diesmal nicht. Er habe sieben Monate lang mit einem Team die Zahlen gewälzt. In der Summe gehe es um 38 Mrd. Dollar, einen Betrag, den das bereits massiv verschuldete Unternehmen kaum verkraften könnte. „Sie sind eine Rezession von der Insolvenz entfernt“, sagt Markopolos.

Das Unternehmen weist sämtliche Anschuldigungen zurück: „GE arbeitet auf höchstem Niveau der Integrität und steht zu seiner Finanzberichterstattung.“ CEO Larry Culp wirft dem Whistleblower „Marktmanipulation“ vor.

In „No One Would Listen“, seinem Buch über den Madoff-Skandal, beschreibt Markopolos sich selbst als jemanden, der „die Sprache der Zahlen“ beherrsche. „Zahlen können die ganze Geschichte erzählen. Ich kann Schönheit, Witz und manchmal Tragik in ihnen erkennen.“ Ende der 80er-Jahre beginnt er seine Karriere in der Finanzindustrie, erst als Börsenmakler, später als Portfoliomanager bei der Investmentfirma Rampart in Boston. Sein dortiger Chef setzt ihn 1999 auf Bernie Madoff an – nicht um ihn zu enttarnen, sondern um ihn zu kopieren. Madoff, Chairman der Technologiebörse Nasdaq, ist ein hoch angesehener Wertpapierhändler. Dass er nebenher Milliarden für überwiegend wohlhabende Anleger verwaltet, ist öffentlich gar nicht bekannt. Nur über Umwege erfahren die Rampart-Leute, dass Madoff ein unfassbar guter Investor sein soll, der zwar keine Wahnsinnssummen verdient, aber so gut wie nie Verluste macht.

Markopolos soll Madoffs Produkt nachbauen. Er besorgt sich alles, was er über den Fonds bekommen kann – und erkennt schnell, dass dessen Erfolgsbilanz nicht zu replizieren ist. „Ich wusste sofort, dass diese Zahlen keinen Sinn ergaben“, erinnert er sich. Auf legalem Wege hätte Madoff seine Rendite nie erwirtschaften können, da ist sich Markopolos sicher. Aber wie betrügt er? Zusammen mit zwei Kollegen beginnt er eine Spurensuche, die ihn fast ein Jahrzehnt beschäftigen wird.

Erst glauben sie, Madoff nutze sein Insiderwissen als Börsenhändler, um den Markt zu schlagen. Doch dann finden sie gar keine Indizien dafür, dass Madoff überhaupt am Markt handelt – obwohl er ihren Schätzungen zufolge mindestens 6 Mrd. Dollar managt. Es bleibt nur eine Erklärung: Er betreibt ein Schneeballsystem. Madoff scheint seinen Altanlegern Renditen zu zahlen, indem er das Geld neuer Anleger umschichtet. Im Frühjahr 2000 reicht Markopolos eine Beschwerde bei der Wertpapieraufsicht SEC ein. Doch nichts passiert. Ein Jahr später versucht er es erneut, bietet sogar an, undercover bei Madoff einzusteigen. Keine Reaktion.

Ein Gewehr neben dem Bett

Markopolos wittert eine Verschwörung. Madoff, glaubt er, wird von ganz oben gedeckt. Er fürchtet um die Sicherheit seiner Familie. Markopolos geht davon aus, dass südamerikanische Kartelle und die russische Mafia zu Madoffs Geldgebern gehören, was bis heute unbewiesen ist. Er besorgt sich ein Gewehr, das er in der Nähe seines Betts aufbewahrt. Bevor er seinen Minivan anlässt, untersucht er den Unterboden auf mögliche Bomben. Sollte Madoff ihn bedrohen, schreibt er in seinem Buch, „würde ich runter nach New York fahren und ihn erledigen“.

Markopolos’ Rampart-Kollegen nennen ihn einen „liebenswerten Nerd“ und „verrückten Professor“. Seine wahnhafte Angst vor Verfolgung teilen sie nicht. „Wir fühlten uns nie unsicher“, sagt einer 2011 in einem Dokumentarfilm.