InterviewHans-Werner Sinn: „Merkel war die Kanzlerin des Hier und Jetzt“

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Blicken wir nach vorn: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die deutsche Wirtschaft steht im Prinzip sehr gut da. Welche wirtschaftspolitischen Schritte sind nun erforderlich in der Bundesregierung?

Die radikale Steuerreform Donald Trumps, durch die die Körperschaftsteuer von 35 Prozent auf 21 Prozent gesenkt wurde, setzt die europäischen Staaten unter Druck. Deutschland sollte sich bemühen, die Anreize für eine Abwanderung von Unternehmen in die USA zu verringern. Wichtig ist auch eine Bildungsoffensive, um die jungen Leute fit für die neue Welt zu machen, die sich um die Zukunftstechnologien entwickelt. Gut ausgebildete Migranten, die den Staat entlasten, anstatt ihm auf der Tasche zu liegen, sollte man versuchen ins Land zu holen.

Was halten Sie von einem möglichen Merkel-Nachfolger Friedrich Merz aus wirtschaftspolitischer Sicht?

Er würde einmal ein Alternativprogramm bieten. Seine Pressekonferenz war sehr überzeugend. In den Regierungen von Angela Merkel gab es nur wenige Leute mit ökonomischem Sachverstand. Eine Kurskorrektur ist dringend erforderlich.

Große Sorgen macht derzeit Italien. Wie groß ist die Gefahr für die Eurozone durch die Regierung in Rom?

Sie ist insofern groß, als die Regierung immer noch mit dem Euro-Austrittsplan ihres Europaministers Paolo Savona liebäugelt, um die anderen Euroländer unter Druck setzen zu können. Ich verstehe die Italiener, denn sie haben seit dem Ausbruch der Lehman-Krise zehn Jahre gelitten, ohne dass sich ihre Wirtschaftslage verbessert hat, hoffe aber, dass sie es schaffen, im Euro wettbewerbsfähig zu werden.

Und wie sollte die Bundesregierung damit umgehen?

Deutschland sollte nachsichtig mit Italien sein, doch sein Portemonnaie geschlossen halten, weil man Italiens Probleme mit Geldgeschenken nur noch verschlimmern kann. Auch weitere Garantien zur Absenkung der italienischen Zinsen, etwa über eine Vergemeinschaftung der Einlagensicherungen oder die von der EU-Kommission geplanten Gemeinschaftsanleihen, die sogenannten ESBies, darf es nicht geben. Den moralischen Zeigefinger sollten wir Deutschen aber in der Tasche lassen.

Zum Abschluss natürlich die wichtige Frage: Wer ist Ihr Favorit für die Nachfolge von Frau Merkel in der Union bei der parteiinternen Abstimmung Anfang Dezember?

Da ich keiner Partei angehöre, möchte ich auch keine Empfehlungen für parteiinterne Entscheidungen abgeben. Mein Favorit für die Nachfolge von Mario Draghi ist Jens Weidmann.