InterviewHandelskonflikt: „China muss sich öffnen“

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Welche Regelungen haben denn Ihrer Meinung nach Priorität, um die Globalisierung wieder fairer zu gestalten?

Im internationalen Handel müssen multilaterale Regeln gestärkt werden. Man sieht seit 2004 – und nach dem Scheitern der Doha-Runde -, dass die WTO an Bedeutung verliert und nur noch bilaterale Handelsabkommen geschlossen werden. Beispiele sind CETA, das deutsch-japanische Abkommen, TTIP oder die amerikanischen Abkommen. Es müssen multilaterale Verträge wieder in den Mittelpunkt rücken. Der zweite wichtige Punkt ist, dass in den Bereichen Steuern, Regulierung von Finanzmärkten und Direktinvestitionen globale Standards gesetzt werden. Das kann nur funktionieren, wenn man faire Regeln für alle schafft, und dafür brauchen wir die großen globalen Foren wie die G20. Alleingänge wie die von Trump vom Zaun gebrochenen Konflikte sind nicht zielführend.

Das Handelsbilanzdefizit steht für Trump im Mittelpunkt der Konfrontation mit China und der EU. Diskussionen darüber gibt es seit Jahren. Mal ganz grundsätzlich gefragt an Sie als Ökonom: Kann und sollte man überhaupt etwas gegen so ein Defizit tun?

Das hängt immer mit der Größenordnung und der Nachhaltigkeit zusammen. Handelsdefizite/-überschüsse sind kein Problem, wenn sie freie Entscheidungen von Unternehmen und Menschen widerspiegeln. Zum Beispiel hat Deutschland eine alternde Gesellschaft, viel deutlicher als es bei anderen Ländern der Fall ist. Das rechtfertigt einen Handelsüberschuss – also eine Nettoersparnis. Baut Deutschland diese Auslandsersparnis aus, kann man das als Puffer gegen die sinkende Produktion der immer älter werdenden Gesellschaft sehen. Handelsüberschüsse müssen daher nicht per se ein Problem sein.

Wann sind sie ein Problem?

Sie werden zum Problem, wenn sie mit fehlgeleiteter Politik oder Protektionismus zusammenhängen. Und das ist in China und zum Teil auch in Deutschland der Fall. In Deutschland ist es die Überregulierung vieler Dienstleistungssektoren, es wird zu wenig investiert und dadurch sind die Importe zu gering.

Deutschland ist sehr gut darin, andere Regierungen zu kritisieren, dass die ihre Vorgaben bei der Fiskalpolitik oder bei der Verschuldung nicht einhalten, aber Deutschland tut dies bei den Handelsüberschüssen auch nicht.

Marcel Fratzscher

Und bei den Chinesen?

In China ist es unter anderem die künstliche Abwertung der eigenen Währung. Kapital wird im Endeffekt falsch verteilt. Es fließt zu viel Kapital aus dem Land raus und es kommt zu wenig Geld rein, um hier den Wohlstand langfristig zu sichern. Und dann werden Handelsüberschüsse zum Problem.

Gerät also nicht nur China sondern auch Deutschland im Zuge der aktuellen Ereignisse weiter unter Druck?

Wir vergessen immer gerne, dass die EU-Kommission Jahr für Jahr Deutschland für seine großen Handelsüberschüsse kritisiert. Wir halten uns nicht an die Regeln der Europäischen Union, die es ja auch in Bezug auf die Handelsbilanzen gibt. Diese Grenzen reißt Deutschland schon seit vielen Jahren.

Das heißt, Deutschland muss sich bei der aktuellen Debatte auch stärker hinterfragen?

Deutschland ist sehr gut darin, andere Regierungen zu kritisieren, dass die ihre Vorgaben bei der Fiskalpolitik oder bei der Verschuldung nicht einhalten, aber Deutschland tut dies bei den Handelsüberschüssen auch nicht. Das ist keine Neid-Debatte der anderen Länder über Deutschlands erfolgreichen Export, sondern Deutschland schadet sich selbst damit. Insbesondere indem es Investitionen und Wettbewerb im Inland und somit Wachstum verhindert.