InterviewHandelskonflikt: „China muss sich öffnen“

DIW-Präsident Marcel Fratzscher
DIW-Präsident Marcel FratzscherDIW Berlin/Florian Schuh

Capital: Bisher sind die Strafzölle zwischen China und den USA nur Drohungen. Sind wir schon mitten drin im Handelskrieges oder lässt er sich noch abwenden?

Marcel Fratzscher: Ich denke, das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen. Die Amerikaner und Chinesen werden in nächster Zeit erst einmal ihre Optionen abwägen. Ich glaube dennoch, die eingeleiteten Schritte sind nur schwer abzuwenden. Denn Trump kann keinen Rückzieher mehr machen, da er sonst seine Glaubwürdigkeit komplett verliert.

Gibt es keinen Weg mehr zurück?

Die Frage ist eher: Wird es zu einer Eskalation kommen? 50 Mrs. US-Dollar auf chinesische Exporte in die USA und umgekehrt sind einfach Größenordnungen, die wirtschaftlich signifikant sind und auch auf Deutschland Auswirkungen hätten.

Welche Gefahren sehen Sie denn konkret für die deutsche Wirtschaft?

Das deutsche Wirtschaftsmodell ist sehr stark von Exporten abhängig. Knapp 45 Prozent der Wirtschaftsleistung sind Exporte. Das heißt, knapp die Hälfte der Jobs hängt direkt oder indirekt an der Exportwirtschaft. Ein Handelskrieg zwischen China und den USA hätte auch Auswirkungen auf deutsche Unternehmen. Ein Beispiel: Die chinesischen Produkte, auf die jetzt Zölle erhoben werden, müssen erst gefertigt werden. Wenn nun die Nachfrage nach chinesischen Produkten einbricht, wird die Produktion zurückgefahren und es werden weniger deutsche Maschinen für die Fertigung abgesetzt.

Es würde also eine Art Kettenreaktion in Gang gesetzt werden…

Gesamte Wertschöpfungsketten, an denen selbstverständlich auch deutsche Unternehmen beteiligt sind, wären davon betroffen. Vereinfacht gesagt bedeuten weniger Exporte aus China in die USA auch weniger Exporte aus Deutschland nach China und anderswohin. Mit Blick auf die chinesischen Strafzölle gilt das natürlich auch andersrum, zumal deutsche Autofirmen mit zu den größten Autoexporteuren aus den USA nach China gehören.

Was wären denn die Folgen des Handelsstreits für die Weltwirtschaft insgesamt? Derzeit herrscht ja noch Hochkonjunktur, wenngleich sich die Stimmung ja bereits etwas eintrübt.

Ich befürchte, dass der Handelskonflikt der globalen Konjunktur einen empfindlichen Dämpfer verpassen könnte. Zwei Mechanismen setzen hier an. Erstens: Der Welthandel hat sich in den letzten zwei Jahren erholt. Er ist einer der Treiber für die hohen Wachstumszahlen und die gute konjunkturelle Lage. Insbesondere in Deutschland sind die Exporte ein wichtiger Grund für die wirtschaftliche Stärke. Bricht der freie Handel ein Stück weit ein, fällt auch das Wachstum zurück. Zweitens schafft ein Handelskrieg zusätzliche Unsicherheit, wie man es derzeit an den Reaktionen der Börsen sehen kann.

Also kann allein schon die Sorge und Verunsicherung über einen möglichen Handelskrieg die Konjunktur stören?

Unsicherheit ist immer Gift für Investitionen, denn Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Der Ausblick auf einen Handelskrieg sorgt im Endeffekt dafür, dass weniger investiert wird oder Unternehmen ihre geplanten Investitionen verschieben. Das würde zusätzlich den Aufschwung bremsen.