AnlagebetrugErst angeschmiert, dann eingelocht

Seite: 2 von 2
50 Verhandlungstage waren im Saal 806 angesetzt, 78 wurden es
50 Verhandlungstage waren im Saal 806 angesetzt, 78 wurden es
© Jens Brambusch

Anonyme Anzeige bei der Bafin

Nach einer anonymen Anzeige hatte die Bafin Ermittlungen gegen die Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF) und deren Netzwerk eingeleitet. Es geht um den Verstoß gegen das Kreditwesengesetz. Um ein unerlaubtes Einlagengeschäft. So lautet der Verdacht. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Beamten noch nicht, dass sie einem der spektakulärsten Anlagebetrugsfälle der vergangenen Jahre auf der Spur sind.

Die Staatsanwaltschaft erhebt später den Vorwurf des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. Die Anklageschrift umfasst 222 Seiten. Capital hatte darüber als erstes berichtet. Zwischen August 2011 und Januar 2015 hatte die BWF-Stiftung des Ehepaar Saik von rund 6500 Kleinanlegern mehr als 57 Mio. Euro eingesammelt. Meist über Vermittler, die bis zu 20 Prozent Provision kassierten. In Hochglanzprospekten bewarb die Stiftung ihr Konzept. Anlegern bot sie an, Gold zu erwerben. Das Besondere: Das Gold sollte die BWF kostenfrei einlagern, um es dann nach einer vertraglich festgelegten Laufzeit zu einem garantierten Rückkaufpreis auszuhändigen – unabhängig vom Goldkurs. Bis zu 180 Prozent Rendite wurden garantiert. Die, behauptete die BWF, wolle sie erwirtschaften, indem sie Handel mit Juwelieren betrieb. Denn Juweliere, so die Mär, würden oft nicht schnell genug an Gold für ihren Schmuck kommen, weshalb sie bereit seien, mehr als den üblichen Goldpreis zu zahlen.

Das Produkt „Gold Standard“ bewarb die BWF als eine „gewinnbringende Alternative zu Fonds oder Sparbuch“. Die Argumente: der garantierte Rückkaufpreis von bis zu 180 Prozent des Investments. Kein Agio, keine Abschlussgebühren. Das Gold lagert in Deutschland. „Sie können es sich jederzeit ausliefern lassen.“ Kein Kursrisiko.

Beton mit Goldanstrich

Doch schon bei der Razzia wundern sich die Beamten, dass ein Großteil des beschlagnahmten Goldes weniger wiegt als angegeben. Sie haben Waagen dabei, um zu protokollieren, welche Mengen sie sicherstellen. Als das Gold später bei der Bundesbank überprüft wird, stellt sich heraus, dass von den vermeintlich vier Tonnen Edelmetall in dem Tresor nur 324 Kilogramm echt sind. Das entspricht einem Wert von etwa 11 Mio. Euro. Der Rest ist Füllmaterial, hauchdünn mit Gold überzogen – oder mit Farbe besprüht. Eigentlich hätte sich in dem Tresor Gold im Gegenwert von knapp 120 Mio. Euro befinden sollen. Die Verantwortlichen der BWF-Stiftung geben sich kurz nach der Razzia schockiert. Sie seien betrogen worden, sagen sie. Und bleiben auf freiem Fuß.

Allerdings nur vorerst. Nach einigen Wochen nämlich finden die Ermittler in den beschlagnahmten Unterlagen eine Rechnung über 309 000 Euro, ausgestellt von einer Firma im Schwarzwald, die in China Goldbarren-Dummys hat herstellen lassen. Der vorgetäuschte Wert: 122 Mio. Euro. Der Rechnungstext wurde frisiert. Worte wie „Dummy“, „Kupfer“, „Zink“ oder „zu Werbezwecken“ wurden verändert. Dann wurde die Rechnung unter „Betriebskosten“ abgerechnet. Anscheinend sollte sie von der Steuer abgesetzt werden.

60 Mio. Euro verschwunden

„Die BWF hat bewusst mit den Ängsten der Anleger gespielt“, sagt der Berliner Anwalt Jochen Resch. Er warnte schon vor der Stiftung, lange bevor die Ermittler zuschlugen. Auch er ist beim Prozessauftakt als Beobachter im Gerichtssaal. „Das Angebot hat sich gezielt an Euroskeptiker gerichtet, an konservative Anleger, die sichere Sachwerte wollen“, sagt Resch. An Menschen, die Angst um ihr Erspartes haben. Insgesamt, sagt Resch, seien 60 Mio. Euro auf die Seite geschafft worden. Wo sie sind, dass sei die alles entscheidende Frage. Wahrscheinlich beiseite geschafft für ein sorgenfreies Leben nach dem Knast. Denn bislang haben die Hauptangeklagten zum Verbleib des Geldes keine Aussagen gemacht.

Und selbst die Frage, wie viel die BWF-Anleger von dem beschlagnahmten Vermögen bekommen werden, ist offen – weil nicht nur ihre Millionen verschwunden sind. Auf das sichergestellte Gold im Wert von 11 Mio. Euro und zwei Villen, die den Saiks zugeordnet werden, erheben nämlich auch die Gläubiger der Europäischen Vereinigung vereidigter Edelmetallberater (EVVE) einen Anspruch. „Die EVVE ist quasi der Vorgänger der BWF-Stiftung“, sagt Anwalt Resch. Bis 2011 hätte Gerald Saik in Österreich, Tschechien und der Slowakei mit dem gleichen Modell rund 30 Mio. Euro eingesammelt. Auch dieses Geld hätte in dem Berliner Tresor liegen sollen.

„Es geht insgesamt um knapp 100 Mio. Euro, von denen mindestens 60 Mio. Euro verschwunden sind“, sagt Resch. Und das bleibt es auch. Auch nach dem Urteil.