AnlagebetrugErst angeschmiert, dann eingelocht

Die Hauptangeklagten Gerald Saik (in rot) und seine Frau verstecken ihre Gesichter beim Prozessauftakt
Die Hauptangeklagten Gerald Saik (in rot) und seine Frau verstecken ihre Gesichter beim Prozessauftakt
© Jens Brambusch

Wie eine schwere Last scheint das dunkle Holz an der Decke die Luft aus dem Sitzungssaal 806 im Berliner Landgericht zu pressen. Es ist stickig, die Schwüle der Straße bahnt sich ihren Weg durch die zu kleinen Fenster. Der Raum ist überfüllt. Zwölf Strafverteidiger sitzen sich gegenüber, vor ihnen zwei Reihen mit jeweils drei Stühlen, auf denen die sechs Angeklagten hintereinander sitzen, wie in einem Bus. Blick Richtung Richter der 24. Großen Strafkammer.

Das Barockgebäude aus der Kaiserzeit liegt auf der Rückseite der Justizvollzugsanstalt Moabit. Kurze Wege für die zwei Hauptangeklagten, die seit ihrer Festnahme am 2. September 2015 in Untersuchungshaft sitzen: Gerald Saik, der zwei Tage zuvor seinen 56. Geburtstag feierte, und seine zwölf Jahre ältere Ehefrau Marion Moldovan-Saik. Mit Schreibblöcken und Ordnern schützen sie ihre Gesichter vor den Fotografen und Kamerateams.

So beginnt der Prozess in einem der bizarrsten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Republik. Es ist der 9. Juni 2016.

Sechs Jahre Haft

Die Angeklagten sitzen stoisch auf ihren Plätzen. Er vor ihr. Kein Augenkontakt, fast regungslos. Er in roter Trainingsjacke zu Jeans und blauen, sportlichen Halbschuhen. Sie in einem schwarz-weiß gemusterten dünnen Pullover, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, eine Brille. Ganz Biederfrau. Nicht einmal blicken sie zur Seite, zu den Anwälten und anderen Mitangeklagten, schon gar nicht ins Publikum, wo geprellte Anleger und Anwälte den Prozess verfolgen. Fragen des Richters wie zu den Personalien beantworten sie kurz und knapp. Ein dritter Angeklagter, ein Steuerberater aus Köln, wurde am 1. April aus der Haft entlassen. Den drei anderen blieb die Untersuchungshaft erspart. Und jetzt sitzen sie hier im Gericht auf der Anklagebank.

Nach 78 Verhandlungstagen hat das Berliner Landgericht nun ein Urteil gefällt: Haftstrafen von fünf bis sechs Jahren. Stiftungsgründer Saik zeigte sich im Prozess geständig,was sein Strafmaß minderte. Dennoch muss er für sechs Jahr ins Gefängnis.Die übrigen drei verbliebeben Angeklagten hatten auf Freispruch plädiert. Das Gericht sah das anders und schickte Saiks Frau, die sich um die Buchführung der Stiftung gekümmert hatte, und einen Steuerberaterfür fünf Jahre und drei Monate hinter schwedische Gardinen, den Vertriebschef für fünf Jahre.

Razzia mit 120 Polizisten

Alles begann am frühen Morgen des 25. Februars 2015. Die Berliner Polizei war ausgerückt, um einen riesigen Tresorraum im Keller einer Villa in Zehlendorf zu filzen. Gegen 7 Uhr rollen mehrere Mannschaftswagen leise über das Kopfsteinpflaster des Königswegs, vorbei an den Anwesen, die sich hinter hohen Hecken verstecken. Sie halten vor der weißen Villa mit der Nummer 5. Vor der Tür wachen zwei steinerne Samurai mit Schwertern, ein hoher grüner Zaun soll ungebetene Gäste fernhalten.

Beamte verschwinden in dem Haus. Stunden später kommen sie wieder heraus, bepackt mit Ordnern und Computern und Wannen voller Goldbarren. Oder besser: mit dem, was sie für Goldbarren halten. An 19 Objekten in Berlin und Köln schlagen die Beamten zeitgleich zu. Ein Großeinsatz mit 120 Polizisten, begleitet von fünf Ermittlern der Bafin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.