Interview„Was im Internet der Dinge passiert, ist Irrsinn“

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Ist es in einer solchen Lage nicht sehr riskant, selbst fahrende Autos zu entwickeln – die in hohem Maße auf Vernetzung angewiesen sind?

Das stimmt schon. Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen. Aber stellen wir uns vor, was ein Terrorist mit selbst fahrenden Autos anrichten könnte. Er könnte eine autonome Autobombe entwickeln und müsste sich nicht mehr selbst opfern. Er könnte nicht nur eines, sondern 50 Autos schicken. Was wird passieren, wenn auch nur ein Anschlag mit einem autonom fahrenden Auto verübt wird? Ich glaube, es reicht ein Fall, und die Sache ist beendet.

Werden lernende Maschinen und automatisierte Systeme die Sache noch schlimmer machen?

Das wissen wir noch nicht. Auf jeden Fall machen sie alles noch komplexer. Vor zwei Jahren fand in den USA die Darpa Cyber Grand Challenge statt, in der mehrere Teams automatisierte Programme zur Cyberabwehr programmiert haben. In Russland wurde das als Versuch gesehen, eine neue Art strategischer Waffen zu entwickeln, mit denen die USA den Cyberspace dominieren könnten. Darum ging es überhaupt nicht, aber so ist ihre Sicht auf künstliche Intelligenz. Und dieses Denken findet man oft.

Das allgemeine Misstrauen rührt ja auch daher, dass es im Cyberspace durchaus schon staatlich gestützte Angriffe gegeben hat. Welchen Anteil haben staatliche Akteure an der Unsicherheit im Netz?

Die Regierungen machen mir gar nicht so große Sorgen. Was zum Beispiel passiert zwischen China und den USA? Naja, man will wissen, wie die anderen denken und welche Pläne sie verfolgen. Es geht also vor allem darum, Informationen zu sammeln. Das ist nichts anderes als traditionelle Spionage. Problematisch wird es beim Militär: Da werden Programme installiert, die auch zu einem richtigen Cyberangriff genutzt werden können. Bösartige Software. Zum Beispiel in einem Kraftwerk. Und das ist wirklich gefährlich, das ist ein Schritt in Richtung Krieg.

Wozu kann das führen?

Es gibt ein sehr spezifisches Problem. Nehmen wir an, eine Regierung findet heraus, dass in den Kraftwerken ihres Landes bösartige Software installiert wurde. Wenn der Angreifer merkt, dass er erwischt wurde, gerät er in eine seltsame Situation: Entweder er lässt sein Schadprogramm sofort loslegen, oder er wird damit nichts mehr anfangen können. Und oft kosten diese Programme ja Dutzende Millionen Dollar, und es braucht Jahre, um sie zu entwickeln. Es gibt also einen Anreiz sie einzusetzen, bevor sie wertlos werden. Es kommt damit zu ganz neuartigen Dilemmata, mit denen wir früher nicht zu tun hatten.

„Es gab einen Angriff auf unsere Demokratie“

Im Zusammenhang mit der US-Präsidentenwahl 2016 wird oft von Cyberattacken gesprochen. Gab es damals ein Problem mit Computer-Sicherheit?

Es gab einen Angriff in den sozialen Netzen, wenn man so will. Einen Angriff, der zum Ziel hatte, dass die Menschen die Regierung in Frage stellen, die Institutionen, letztendlich die Demokratie. Ziel war auch, Zwietracht zu sähen. Da waren Techniken am Werk, die aufgrund ihres schieren Ausmaßes schon den Charakter einer Cyberattacke, einer Informationsattacke hatten. Es ging um Systeme, die eigentlich für Werbetreibende entwickelt worden waren, und sie wurden sehr erfolgreich umfunktioniert. Gegen die Bevölkerung.

Weiß die Politik, wie sie mit solchen Angriffen umgehen muss?

Bisher noch nicht. Im Kalten Krieg gab es Verfahren. Wir hatten alte Flugplätze, auf denen wir Spione mit unseren Gegnern ausgetauscht haben. Im Cyberspace gibt es solche Regeln noch nicht.