FinanzevolutionGroßes Geld mit kleinen Transaktionen

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Banken im „Innovator’s Dilemma“

Die damals Rekordgewinne einfahrenden Finanzhäuser konzentrierten sich auf die erfolgreichen Produkte und Prozesse für die ertragreichen Kunden. Für das damalige Nischengeschäft „Online“ konnte sich kaum jemand erwärmen. Damit begaben sie sich in ein klassisches „Innovator’s Dilemma“. Dahinter steckt die These des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Clay Christensen, wonach etablierte und erfolgreiche Firmen oft disruptive Technologien unterschätzen und dadurch mittelfristig Wettbewerbsnachteile erleiden. Und genau das ist passiert.

Natürlich ist es im Nachhinein leicht anhand der erfolgreichen Beispiele, auf verpasste Chancen zu verweisen. Andererseits führen diese Beispiele sehr eindrucksvoll vor, zu welchen Verwerfungen die Nichtentscheidungen mit Blick auf zukunftsgerichtete Innovationen geführt haben. Dies dokumentieren vor allem die Marktwerte von Unternehmen, die neu in den Markt eingetreten sind. Die Geschichte des mit der Zahlungsabwicklung im Onlinehandel groß gewordenen Unternehmens Paypal ist oft genug erzählt worden. Mitte März betrug der Marktwert des von Nichtbankern gegründeten Unternehmens ca. 120 Mrd. US Dollar. Zum Vergleich, der gemeinsame Marktwert von Deutscher Bank und Commerzbank betrug zum gleichen Zeitpunkt etwa 25 Mrd. US-Dollar. Viel berichtet wurde in den letzten Monaten ebenfalls über Wirecard. Der in München angesiedelte Zahlungsdienstleister steht zwar derzeit unter besonderem öffentlich Druck (siehe dazu „Alles zu Wirecard“ im Newsletter von Finanz-Szene), hat aber im Sommer die Commerzbank aus dem Dax verdrängt und wird derzeit mit mehr als 15 Mrd. US-Dollar bewertet.

Weniger bekannt hingegen ist in Deutschland Adyen, der „fliegende Holländer“ (Payment and Banking). Adyen wickelt Zahlungen für Onlinehändler und auch für Ladengeschäfte ab. Eine der Stärken des im vergangenen Jahr an die Börse gegangenen Unternehmens dürfte sein, dass es lokale Zahlungsabwicklung rund um den Globus anbietet. Das macht die Zusammenarbeit insbesondere für viele der international aufstrebenden Erfolgsunternehmen aus dem Digitalsektor interessant. So wächst Adyen mit Kunden wie Uber, Booking.com und Spotify erfolgreich mit. Die Marktkapitalisierung der Anteilsscheine von Adyen betrug Ende März ca. 20 Mrd. US-Dollar.

Institute unterschätzen disruptive Technologien

Und wenn man über Zahlungsdiensleistungen spricht, sollte man natürlich nicht den Fintech-Elefanten Ant Financial übersehen. Die „Finanzameise“ ist deswegen so groß geworden, weil für die chinesische E-Commerce-Plattform der früheren Mutter Alibaba keine entsprechenden Leistungen aus dem Finanzsektor bereitgestellt wurden. So hat Alibaba eigene Finanzdienstleistungen aufgebaut und diese später in Ant Financial ausgelagert. Das Unternehmen soll seinen Namen daher haben, weil Ameisen klein sind und der Service für die „kleinen Leute“ bereitgestellt wird. Das Unternehmen, das auf Technologie setzt und viele Innovationen ausprobiert, gilt mittlerweile als der Gigant unter den Finanztechnologie-Unternehmen. Sein Marktwert wird auf Basis von Beteiligungstransaktionen auf 150 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Der von Banken vernachlässigte Zahlungsverkehr mit seinen verschiedenen Varianten ist also nicht nur aus dem Schatten des traditionellen Bankgeschäfts getreten, sondern die Marktwerte der großen Spieler lassen die Werte vieler klassischer Banken buchstäblich austrocknen. Diese Beispiele bestätigen fast buchstäblich Christensens These vom Innovator’s Dilemma. Danach schaffen es in der Mehrheit der Fälle etablierte Unternehmen nicht, disruptiven Innovationen erfolgreich einzuführen. Ein wichtiger Grund sei, dass neue Technologien von den bisherigen Hauptkunden nicht geschätzt werden und eher in erhaltende Technologien investiert und disruptive Technologien vernachlässigt werden. Interessant dürfte übrigens zu beobachten sein, wie die derzeit erfolgreichen neuen globalen Payment-Dienstleister mit wiederum neuen disruptiven Technologien wie dem machine-to-machine Payment (siehe dazu „Wenn das Internet der Dinge automatisch bezahlt“) umgehen.

Die globale Zahlungsabwicklung des E-Commerce vor allem neuer Handelsplattformen im Internet, ist also zum großen Regenmacher im Finanzsektor geworden. Das von Banken ungeliebte Backoffice ist aufregend geworden, hat auch der Nachrichtendienst Bloomberg festgestellt. Die Berater von McKinsey bestätigen, dass in der Payment-Industrie große Werte geschaffen werden. Und nicht zuletzt wird der Boom im Zahlungsverkehr unterstrichen durch die geplante Megafusion über 35 Mrd. US-Dollar zwischen Fidelity National Information Services, einem IT-Dienstleister für verschiedenste Finanzdienste, und Worldpay, ebenfalls ein Spezialist für Zahlungstechnologie und Unterstützung für globalen Omni-Channel-Commerce.

Manche in der Finanzbranche überkommt Wehmut, weil am Ende aller modernen Zahlverfahren weiterhin ein Bankkonto steht. Und dennoch haben die Banken um diese Kernleistungen herum ziemlich viel verloren. Das ist in etwa so als wenn Amazon sich nur auf seinen Buchshop konzentriert hätte und alles was drum herum an Ökosystem entstanden ist, anderen überlassen hätte. Wir wissen, dass Amazon exakt das Gegenteil gemacht hat und seine Wertschöpfungstiefe um den einstigen Buchversand erweitert hat und damit längst noch nicht fertig ist.