Analyse„Griechenland wird noch Jahre brauchen“

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Der öffentliche Sektor bleibt eine Baustelle

Ein anderer Fall ist Viva Wallet, ein Fintech und digitaler Zahlungsdienstleister mit Ablegern in Belgien und Großbritannien. Das Unternehmen wurde von einer Gruppe junger IT-Experten gegründet, die in der Krise ihre Arbeit als Softwareentwickler für griechische Banken zu verlieren drohten. „Als die Banken ihre Projekte zurückfuhren, mussten wir uns auf etwas anderes verlegen“, sagt Yannis Larios, strategischer Direktor bei Viva Wallet. „Wir beschlossen, einfach selbst im Finanzsektor aktiv zu werden und gründeten eine Ticket-Plattform für Reisen und Veranstaltungen.“

Während der Privatsektor sich öffnet, bleibt die öffentliche Verwaltung ein Spielball in den Händen der Politik. Ministerpräsident Alexis Tsipras sagt, Griechenland werde von einem „klientelistischen Modell“ gefesselt. Politische Verbindungen seien immer noch der wichtigste Faktor bei der Vergabe von Jobs im öffentlichen Sektor und bei geschäftlichen Aufträgen. „Vielleicht war das einer der wichtigsten Gründe für die Lage, in der wir uns befinden“, sagte Tsipras der Financial Times im Juni. „Wir müssen das Land weiter reformieren und natürlich auch versuchen, die Leute davon zu überzeugen, dass sich Kultur und Gewohnheiten ändern müssen.“

Allerdings muss Tsipras auch seiner eigenen Partei Syriza beibringen, dass die Zeit der Günstlingswirtschaft vorbei ist. In der Amtszeit des Ministerpräsidenten wurden 30.000 Leute im öffentlichen Dienst eingestellt, darunter auch eine ganze Reihe von Beratern, die von Syriza-Ministern ausgesucht worden waren. Pläne, die Verwaltung von der Politik zu trennen, hochrangige Einstellungen transparenter zu machen und die Arbeit der Beamten regelmäßig zu überprüfen, stoßen immer noch auf massive Gegenwehr.

Wir sind einfach nicht in der Lage uns hinzusetzen und zu sagen: Was ist das Problem und wir können wir es angehen?

Maria Demertzis

Nach Ansicht von Wirtschaftsprofessor Tsakloglou wird der Strukturwandel vielerorts noch Jahre dauern. Wie im Bildungssystem, wo veraltete Lehrpläne dazu führen, dass an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei ausgebildet wird. So kommen Leute von den Unis, die, wie Tsakloglou sagt, „größtenteils gut gebildet und arbeitslos“ sind.

Die griechische Regierung ist sich mit den EU-Vertretern einig, dass sich erst zeigen muss, ob die Reformen von Dauer sind, bevor man weiß, wie groß die Bereitschaft für Veränderungen ist. Syriza hat versprochen weiter zu machen und die EU will die Fortschritte auch nach dem offiziellen Ende der internationalen Aufsicht überprüfen. Allerdings gehen die Brüsseler Beamten davon aus, dass der politische Druck in Fragen des Rentensystems oder der Vergabe von Verwaltungsjobs zunehmen wird, wenn die nächsten Wahlen anstehen. „Tsipras wird versucht sein, die Reformen zurückzufahren, die am meisten weh getan haben“, sagt ein Diplomat.

Maria Demertzis vom Brüsseler Forschungsinstitut Bruegel glaubt, dass es in Griechenland immer noch keinen nationalen Konsens darüber gibt, was der Grund für die Probleme des Landes ist – und wie sie gelöst werden können. „Das Programm hat so lange gedauert, weil wir es nicht geschafft haben, uns einig zu werden“, sagt sie. „Wir sind einfach nicht in der Lage uns hinzusetzen und zu sagen: Was ist das Problem und wir können wir es angehen? Deshalb kommen wir auch nicht voran.“

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