ClusterGlashütte - das Dorf der Uhrmacher

Die teuerste Armbanduhr aus Glashütte: die Grand Complication von A. Lange & Söhne
Die teuerste Armbanduhr aus Glashütte: die Grand Complication von A. Lange & SöhneGene Glover

Deutschlands Cluster: Deutsche Unternehmen sind berühmt für ihr Können und ihre Produkte. Marktführer und Konkurrenten sitzen dabei oft dicht beieinander. In einer Serie ergründet Capital das Erfolgsgeheimnis der „German Valleys“. Erste Folge: Silicon Saxony – Chips frisch aus Dresden und Pforzheim – Zahnspangen statt Gold

„Das ist Glashütte?“ Der Fahrer der dunklen Limousine nickt. „Okaaay …“ Ungläubig sieht der New Yorker Anwalt aus dem Fenster. „Äh, nice.“ Glashütte, das war für ihn bisher die edle Boutique von A. Lange & Söhne an der Madison Avenue gleich neben dem Central Park, mit Vitrinen voller Uhren, die so viel kosten wie ein Kleinwagen oder gleich ein ganzes Haus. Auf Einladung der Manufaktur ist er nun in Deutschland, wie andere gute Kunden, darunter Banker aus London und japanische Schlagerkomponisten.

Auf der Autobahn Richtung Glashütte war der Anwalt aufgekratzt. „Wahnsinn, kein Tempolimit.“ Dann wurde die Straße immer enger, wand sich durch Wälder, über Hügel. Bäche plätscherten, Dörfer in allen Schattierungen von Grau und Braun flogen vorbei. Immer leerer wurden die Straßen, immer stiller saß der Anwalt auf dem Rücksitz und staunte über das Nichts um ihn herum. Bis er in Glashütte ankam.

Das Uhrmacher-Gen

6 771 Einwohner leben hier in 16 Ortsteilen. Es gibt ein Uhrenmuseum, ein Café namens Uhrwerk, eine Kirche, ein Restaurant, kein Hotel. Der Ort, an dem „die Zeit lebt“, wie es hier etliche Werbeschilder versprechen, ist Liebhabern exklusiver Uhren auf der ganzen Welt ein Begriff. Dabei war Glashütte jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden – und stand nach der Wende vor dem Ruin. Von einst 2500 Mitarbeitern hatten nur noch 72 einen Job.

Und heute? Arbeiten hier wieder 2000 Menschen in neun Manufakturen. Als einer von wenigen deutschen Ost-Clustern hat Glashütte überlebt – dank mutiger Investoren, Gründern mit Visionen und Menschen mit einer besonderen Gabe: dem Uhrmacher-Gen.

Hier lebt die Zeit – Blick auf Glashütte vom Dach des Uhrenmuseums
Hier lebt die Zeit – Blick auf Glashütte vom Dach des Uhrenmuseums (Foto: Ériver Hijano)

Wer mit dem Zug in Glashütte ankommt, steigt bei Nomos aus – die Manufaktur hat den alten Bahnhof gekauft und als Zentrale ausgebaut. Gegenüber, keine 30 Meter entfernt, liegt der Stammsitz von A. Lange & Söhne. Daneben hat Glashütte Original seine Manufaktur errichtet, ein Stück weiter thront seit dem Jahr 2008 Tutima. Auf der anderen Seite der Gleise hat sich Moritz Grossmann niedergelassen, oben auf dem Hügel liegt die alte Sternwarte, in der Wempe Uhren fertigt. Wenn irgendwo „die Zeit lebt“, dann wohl wirklich in Glashütte.