Jens Weidmann „Geldpolitische Notmaßnahmen mit erheblichen Nebenwirkungen“

Bundesbankpräsident Jens Weidmann stellt sein Amt nach mehr als zehn Jahren zur Verfügung
Bundesbankpräsident Jens Weidmann stellt sein Amt nach mehr als zehn Jahren zur Verfügung
© IMAGO / IPON
In einem Abschiedsbrief an seine Mitarbeiter zieht der scheidende Bundesbankpräsident Jens Weidmann Bilanz – und bezieht noch einmal unmissverständlich Stellung zur aktuellen Geldpolitik. Wir dokumentieren das Schreiben in Auszügen

Nach mehr als einem Jahrzehnt gibt Bundesbankchef Jens Weidmann sein Amt auf. Der 53-Jährige werde sich aus „persönlichen Gründen“ zum Jahresende verabschieden, hieß es in einem Statement der Bundesbank am Mittwoch. ie Bank veröffentlichte außerdem einen Brief an seine Mitarbeiter, in dem Weidmann noch einmal seine Frustration über die Inflationsgefahren, die die Politik der EZB befördert habe, ausdrückt. Auszüge aus dem Schreiben fasst Capital hier zusammen

„Die Zeit, seit ich das Amt des Bundesbankpräsidenten übernommen habe, war ereignisreich. Das Umfeld, in dem wir operieren, hat sich massiv verändert und die Aufgaben der Bundesbank sind gewachsen. Die Finanzkrise, die Staatsschuldenkrise und zuletzt die Pandemie haben in Politik und Geldpolitik zu Entscheidungen geführt, die lange nachwirken werden.

Mir war es dabei immer wichtig, dass die klare, stabilitätsorientierte Stimme der Bundesbank deutlich hörbar bleibt. [...] Wichtige regulatorische Änderungen sind beschlossen worden. Die Neuordnung der Bankenaufsicht in Europa hat nicht nur zu komplett neuen Aufsichtsstrukturen bei der EZB, sondern auch zu einer gestärkten Rolle der Bundesbank geführt. Auch die neuen Verantwortlichkeiten der Bundesbank im Bereich der Finanzstabilität unterstreichen unsere zentrale Rolle, wenn es um ein funktionsfähiges Finanzsystem geht.

Die Geldpolitik hat in all dieser Zeit eine bedeutende, stabilisierende Rolle gespielt. Die zahlreichen geldpolitischen Notmaßnahmen waren jedoch auch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden und im andauernden Krisenmodus wurde das Koordinatensystem der Geldpolitik verschoben.

Meinen Kolleginnen und Kollegen im EZB-Rat unter der Führung von Christine Lagarde gebührt Dank für die offene und konstruktive Atmosphäre in den zuweilen schwierigen Diskussionen der vergangenen Jahre. Trotz der Belastungen durch die Pandemie ist es gelungen die Strategiediskussion als wichtigen Meilenstein der europäischen Geldpolitik erfolgreich abzuschließen. Als Bundesbank haben wir unsere analytische Kompetenz und unsere Grundüberzeugungen selbstbewusst in den Überprüfungsprozess eingebracht. Es ist ein symmetrisches, klareres Inflationsziel vereinbart worden. Nebenwirkungen und insbesondere Finanzstabilitätsrisiken sollen stärker in den Blick genommen werden. Ein gezieltes Überschießen der Inflationsrate wurde verworfen. Und das Eurosystem nimmt in Zukunft stärker Klimarisiken in den Blick. Das alles sind Punkte, die mir wichtig waren.

Wie so oft kommt es nun darauf an, wie diese Strategie durch konkrete geldpolitische Entscheidungen 'gelebt' wird. Dabei wird es entscheidend sein, nicht einseitig auf Deflationsrisiken zu schauen, sondern auch perspektivische Inflationsgefahren nicht aus dem Blick zu verlieren. Und Krisenmaßnahmen mit ihrer außergewöhnlichen Flexibilität sind nur in der Notsituation, für die sie geschaffen wurden, verhältnismäßig. Eine stabilitätsorientierte Geldpolitik wird dauerhaft nur möglich sein, wenn der Ordnungsrahmen der Währungsunion die Einheit von Handeln und Haften sichert, die Geldpolitik ihr enges Mandat achtet und nicht ins Schlepptau der Fiskalpolitik oder der Finanzmärkte gerät. Dies bleibt meine feste persönliche Überzeugung genauso wie die hohe Bedeutung der Unabhängigkeit der Geldpolitik. [...]“

Das Original findet sich auf der Internetseite der Bundesbank.


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