Capital-HistoryFriedrich Wilhelm Raiffeisen - Kapitalist der Massen

Friedrich W. Raiffeisen, hier auf einem zeitgenössischen Porträt, sah das Kapital in sozialer Hilfspflicht
Friedrich W. Raiffeisen, hier auf einem zeitgenössischen Porträt, sah das Kapital in sozialer HilfspflichtGemeinfrei

Wer sich die Berghänge des Westerwalds hinaufkämpft, stößt in einem schwarz-weißen Fachwerkhaus auf asiatische Schriftzeichen. Besucher aus Japan und Korea haben sich im Gästebuch verewigt, einer von ihnen mit einem ungelenken Satz auf Englisch: „I’ve visited the hometown of credit union.“ Es liest sich, als habe sich jemand einen Lebens­traum damit erfüllt, die Geburtsstätte der Kreditgenossenschaften zu besuchen.

Denn hier, im Nest Hamm an der Sieg, das heute dreieinhalbtausend Einwohner hat und eine Schützengesellschaft, die per Glaskasten über ihre Aktivitäten informiert, kam am 30. März 1818 Friedrich Wilhelm Raiffeisen zur Welt, Pionier der Genossenschaftsbewegung, die bis heute Anhänger in vielen Teilen der Welt inspiriert. Anderthalbtausend Gäste strömten 2018 in Raiffeisens Geburtshaus, darunter viele Ausländer, die vor allem aus Japan kommen. „Die Asiaten landen am Frankfurter Flughafen, steigen in den Bus und kommen dann oft direkt zu uns“, sagt Freyja Schumacher, die bei der Gemeinde arbeitet und Besuchern das Haus zeigt. „Wenn ich sie durch die Räume führe, sind die ehrfürchtig und mucksmäuschenstill.“

Etwa anderthalbtausend Straßen in Deutschland sind nach Raiffeisen benannt – hinter Schiller, Goethe und Mozart ist der Westerwälder damit der vierthäufigste Namenspatron. Mit dem Wort Raiffeisen allerdings brachten 2017 bei einer Umfrage nur vier Prozent der Befragten eine Person in Verbindung oder konnten sagen, was das Verdienst dieser Person war.

War Raiffeisen der Urheber der Kreditgenossenschaft? „Man nennt die Vereine nach meinem Namen“, schrieb er selbst einmal. „Ich habe dieselben indes nicht erfunden. Der erste Verein war ein Kind unserer Zeit, aus der Not geboren.“


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden


Eine erste Genossenschaftsbank entstand in Deutschland bereits 1825 im Harz. Anderswo hatten sich ähnliche, oft sehr lokale Zusammenschlüsse entwickelt, von denen Raiffeisen gewusst haben dürfte. Sein Verdienst war es also nicht, das Prinzip einer Union aus Finanziers und Kreditnehmern aus der Taufe zu heben, sondern der Idee mit Nachdruck, christlicher Überzeugung, Ausdauer und großer Opferbereitschaft zum Erfolg zu verhelfen.

Anders als Karl Marx, der im selben Jahr geboren wurde wie er, verstand Raiffeisen Arbeit und Kapital nicht als Gegensätze. Vielmehr brachte er beides zusammen, indem er Arme und Reiche zur Kooperation verpflichtete. Raiffeisen war kein Sozialist, sondern ein christliches Korrektiv des Kapitalismus: Er wollte Geld so nutzbar machen, dass auch die Ärmsten davon profitieren, wollte ein Finanzsystem auf Solidarität und Nächstenliebe gründen.

Der Aufstieg

Raiffeisens Aufstieg ist kein einfacher. Er ist das siebte von neun Kindern einer Familie, die ihm keine höhere Schulbildung finanzieren kann. Zu seinem Glück vermittelt ihm einer seiner Taufpaten grundlegende Bildung, der evangelische Pfarrer von Hamm. Mit 17 Jahren tritt Raiffeisen in die preußische Armee ein, wo er sich parallel zum Dienst naturwissenschaftliche Kenntnisse aneignet. Wegen eines Augenleidens scheidet er 1843 aus der Armee aus und schlägt wie viele andere preußische Ex-Militärs eine Verwaltungslaufbahn ein. Er wird Kreissekretär in Mayen, bewährt sich, steigt mit 26 Jahren ungewöhnlich früh zum Bürgermeister der Westerwaldgemeinde Weyerbusch auf, die aus gut zwei Dutzend Dörfern besteht.

Dort kommt es 1846 zu einer Jahrhundertmissernte, die Lebensmittelpreise steigen auf das Dreieinhalbfache des Üblichen. „Das Mittagsmahl einer Familie konnte im Wesentlichen nur aus Zichorienbrühe und Sauerkraut bestehen“, schreibt Raiffeisen. Um die Not zu lindern, gründet der Bürgermeister den „Weyerbuscher Brodverein“, einen Zusammenschluss wohlhabenderer Bürger, die Geld vorstrecken, damit der Verein Getreide kaufen kann. Die Mittel erlauben es Raiffeisen, große Mengen zu günstigen Preisen zu erwerben. Aus dem Getreide lässt er Brot backen, das er günstig verkauft. Wer es sich trotzdem nicht leisten kann, darf auf Schuldschein kaufen und das Geld später zurückzahlen.