InterviewFrank Thelen: „Uns fehlt ein Elon oder ein Jeff“

Frank Thelen
Frank ThelenFrank Thelen

Capital: Herr Thelen, in der deutschen Gründerszene dominieren BWLer und Ex-Berater. Ist das ein Problem?

FRANK THELEN: Ja! Im Ergebnis sorgt es auch dafür, dass wir keine relevanten Tech-Unternehmen in Deutschland haben.

Das müssen Sie erklären.

Was heute in Deutschland an erfolgreichen Firmen gegründet wird, hat meistens eine reine Business-Modell-Denke. Die BWLer und Berater gehen fast immer ähnlich vor: Sie sehen einen Markt, sagen wir für Tiernahrung, der ist so und so groß. Die aktuellen großen Player haben die und die Marge. Und dann sagen sie sich, das können wir besser machen, weil wir einen Prozess digitalisieren oder alles in einer Plattform zentralisieren. Das Problem ist, da geht keiner hin und sagt: Ich habe jahrelang geforscht und eine Nanotechnologie entwickelt, die Wärme besser speichern kann. Oder ich interessiere mich für Quantencomputer oder Blockchain und habe eine richtige Revolution vor. Die kommen immer vom Markt, von der Opportunity her.

Womit man ja auch große Unternehmen aufbauen kann, oder?

Klar, der Ansatz ist ja auch vollkommen legitim. Die Business-Model-Denke hat hierzulande zu großen Erfolgen geführt. Oli Samwer und Ralph Dommermuth sind damit zu den erfolgreichsten deutschen Gründern geworden. Und dafür habe ich größten Respekt.

Die neue Capital
Die neue Capital

Global dominieren aber Tech-Konzerne aus den USA.

Ich finde es auch schade, dass die großen Plattformen alle aus Amerika kommen. Aber das kann man dem Oli nicht um den Hals hängen. Da könnte man auch sagen: Warum hast du, lieber Frank, nicht das Tech-Ökosystem aufgebaut, das es gebraucht hätte?

Was können wir denn tun, damit das nächste Amazon oder Tesla aus Deutschland kommt?

Das ist eine 360-Grad-Systemfrage. Das fängt an mit der Ausbildung, wo Programmieren in der Schule gelehrt werden sollte. In der Universitätslandschaft fehlt uns eine Institution wie das MIT. Dann geht es weiter, wenn man für seine Gründung ein Investment sucht: Da ist es deutlich einfacher, für einen BWL-Case Kapital zu bekommen als für einen Energiespeicher oder Quantencomputer. Da gibt es überhaupt nicht die Investoren für. Und nicht zuletzt mangelt es uns an Vorbildern. Uns fehlt ein Elon oder ein Jeff, die uns inspirieren. Wir sind eher von einem BWLer inspiriert, wenn wir überhaupt irgendwelche Role Models haben.

Wie schnell kann sich da etwas ändern?

Es wird noch viele Jahrzehnte brauchen, bis das bei uns wächst, wenn es denn überhaupt mal passiert. Für mich ist es das wichtigste Thema in den nächsten zehn Jahren: Ich will mit all meinen bescheidenen Mitteln das Thema voranbringen. Aber ich weiß, dass es extrem hart ist einen echten Technologie-Champion in Deutschland aufzubauen.