FinanzevolutionFirmen finanzieren sich lieber untereinander

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 22. Januar, ihr Liquiditätskraftwerk hochzufahren und bis September 2016 1,1 Billionen Euro zusätzliches Zentralbankgeld in die Märkte zu pumpen, hat für viel Aufmerksamkeit und noch mehr Bewegungen an den Finanzmärkten gesorgt. Die EZB will bekanntlich Anleihen von Zentralstaaten, Emittenten mit Förderauftrag und europäischen Institutionen sowie Asset-Backed Securities (ABSPP) und gedeckten Schuldverschreibungen (CBPP3) ankaufen (Details zu ABSPP und CBPP3 hier von der Bundesbank).

Sie möchte damit erreichen, dass Unternehmen und private Haushalte günstiger Finanzmittel aufnehmen und damit Investitionen und Konsum stützen. Damit das funktioniert, müssen sich aber vor allem Unternehmen stärker über Banken finanzieren. Da passt es gut, dass die Kredithürde in Deutschland nach aktuellen Daten des CES ifo Instituts München auf einen historischen Tiefstand gefallen ist. Und dennoch beobachten wir seit Jahren eine Stagnation, zeitweise sogar eine Schrumpfung bei der Kreditvergabe. Weder der EZB noch den Banken gelingt es, die Handbremse im Kreditgeschäft zu lösen. Daran ändert auch das Ankaufprogramm der EZB nichts.

In der Kreditpraxis haben wir weiterhin einen zweigeteilten Kreditmarkt. Viele Unternehmen, die finanzielle Mittel benötigen, erhalten aus regulatorischen und Risikogründen keinen Bankkredit. Ausgerechnet das Regulierungsmonster Basel III dämpft nämlich wegen strengerer Eigenkapital- und Liquiditätsregeln die Vergabe von Bankkrediten an die Unternehmen, deren Bonität nicht einwandfrei ist. Dazu kommt, dass sich die EZB nicht durch den Ankauf schlechter Risiken einem verstärkten Kreditausfallrisiko aussetzen will. Auf der anderen Seite benötigen viele Unternehmen, deren Kredite die EZB gern über Banken oder am Markt ankaufen würde, gar keine Finanzmittel. Viele dieser Unternehmen schwimmen in Liquidität oder finanzieren sich ohne den Bankensektor.

Innenfinanzierung ist das wichtigste Instrument

Diese Entwicklung bestätigen Daten eines im Dezember erschienen Fachaufsatzes der Deutschen Bundesbank: „Ertragslage und Finanzierungsverhältnisse deutscher Unternehmen im Jahr 2014”. Basierend auf 23.000 Jahresabschlüssen analysierte die Bundesbank unter anderem wie sich Unternehmen finanzieren. Die Analyse macht einmal mehr deutlich, dass die Finanzierung über Banken weiter stagniert bzw. sogar leicht rückläufig ist.

Hauptquelle des Mittelaufkommens der Unternehmen bleibt die Innenfinanzierung mit 194,5 Mrd. Euro. Bei der Außenfinanzierung im Umfang von 71 Mrd. Euro stützen sich die Unternehmen zwar zu drei Viertel auf die Aufnahme von Verbindlichkeiten. Interessant und öffentlich weitestgehend unbeachtet bleibt dabei, dass sich Unternehmen vor allem durch zusätzliche Verpflichtungen gegenüber verbundenen Firmen finanzieren, während langfristige Bankkredite per saldo getilgt wurden.

Schaut man auf die Zahlen im Vergleich zu den Bilanzen der Unternehmen, dann stiegen die Bilanzsummen um drei Prozent. Den Trend zur Stärkung der Eigenkapitalbasis haben vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen fortgesetzt. Sie bauten ihre Eigenmittel erneut kräftiger auf als die Fremdmittel.

Die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten nahmen um ein Prozent ab auf 454 Mrd. Euro während die Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen um 5,5 Prozent auf 831,5 Mrd. Euro stiegen. Im Vergleich zu 2011 haben sich die Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen damit um 90 Mrd. Euro erhöht. Im gleichen Zeitraum wurden die Verbindlichkeiten gegenüber Banken um 9 Mrd. Euro heruntergefahren. Die Finanzierung über Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen stagnierte mit 312,5 Mrd. Euro auf hohen Niveau (-0,5 Prozent).

B2B-Finanzierungen sind attraktiver

Unternehmen finanzieren sich danach in einem Volumen von 1,14 Billionen Euro primär untereinander. Die Bedeutung der Bankenfinanzierung hat weiter deutlich abgenommen. Da die Auswertung auf Bilanzdaten beruht, liegen für 2014 noch keine Daten vor. Aktuelle Daten der Bundesbank über die Kreditvergabe zeigen, dass 2014 das Volumen der Bankkredite gestiegen ist, dennoch bleibt es beim Trend hin zu einer bankunabhängigeren Finanzierung.

Ich hatte im vergangenen Jahr in meiner Kolumne Der heimlichen Umbruch der Unternehmensfinanzierung” bereits darauf hingewiesen, dass Unternehmen längst die B2B-Finanzierung entdeckt haben. Über Finanzierungslinien binden sie Kunden besser an sich und fördern den Absatz. Kredite von Lieferanten und verbundenen Unternehmen sind deutlich unkomplizierter in der Abwicklung und mit wenigen Formalitäten beladen. Betriebswirtschaftlich haben sie für Unternehmen aber die gleiche Cash-Relevanz wie ein Bankkredit. Gemanagt wird das über ein immer professionelleres Kreditmanagement, das die Kreditwürdigkeit analysiert, Sicherheiten verlangt und sogar risikoabhängige Konditionen festgelegt.

Weil diese B2B-Finanzierungen längst nicht immer zinslos erfolgen, bieten sich hier besser verzinste Alternativen als zu Bankeinlagen, für die einige Institute sogar negative Zinsen berechnen. Die Risiken für Kredite an verbundene Unternehmen oder Kunden mögen auf dem Papier höher sein, sie sind aber durch die enge Verbindung gut kalkulierbar.

Eigene Finanzdienstleister entstehen

Die Bundesbank selbst stellte bereits 2012 in einer Untersuchung der Handelskredite fest, dass durch den Liquiditätsausgleich innerhalb des Unternehmenssektors die dabei entstehenden Handelskreditketten ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Flexibilität und der Stabilität der Unternehmensfinanzierung leisten.

Diese hier skizzierte Entwicklung zeigt, dass Unternehmen abseits technologischer Entwicklungen Intermediationsleistungen der Banken übernommen haben, die wie im Fall der Wuppertaler EDE (ETRIS Bank) oder der Trumpf Gruppe (TRUMPF Financial Services GmbH) sogar eigene Finanzdienstleister hervorbringen können.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite