FinanzevolutionFintechs arbeiten sich in der KMU-Finanzierung nach oben

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Parallel dazu entdeckten großen Technologie-Unternehmen (BigTechs), dass man Kleingewerbekunden über hochgradig standardisierte Plattformen, Finanzmittel zur Verfügung stellen konnte. So beteiligte sich Google bereits 2013 an dem US-Fintech-Lender Lending Club. Über dieses Programm sollten sich kleine Firmenpartner von Google leichter finanzieren können.

Entgegen vieler Befürchtungen ist es zwar nicht das primäre Ziel von Google, Apple, Facebook und Amazon (GAFA), Banken ihr Geschäft streitig zu machen. Diese Unternehmen verfolgen andere Ziele. Dazu gehört aber, dass sie ihre Plattformen intensiv genutzt wissen wollen, damit darüber möglichst viele Transaktionen abgewickelt werden. Um Nutzer auf den Plattformen zu halten, werden viele darin Nebenleistungen integrieren. Man denke nur an Landkarten und Navigationsdienstleistungen, deren originäre Anbieter mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. Und zu diesen Nebendienstleistungen gehören auch Finanzservices für Unternehmen. Viel weiter fortgeschritten als die GAFAs aus den USA sind hier die chinesischen Technologieunternehmen Alibaba und Tencent.

Der chinesische Handelsriese Alibaba möchte allen auf seinen Plattformen tätigen Unternehmen möglichst viele Tätigkeiten abnehmen und erleichtern, damit sie sich auf ihre kreativen Kernleistungen und den Vertrieb konzentrieren können. Alibaba bietet dazu insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen einen Rundumservice von Beschaffung, Produktion, Absatzförderung, Logistik, IT-Dienstleistungen und Dienstleistungen wie Buchhaltung, Zahlungsabwicklung und natürlich auch Finanzierung.

Allein das Finanzierungsvolumen der zu Alibabas Finanzableger Ant Financial gehörende MYbank hat laut Medienberichten im vergangenen Jahr nach nur vier Jahren umgerechnet 290 Mrd. Dollar erreicht bei 16 Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Dabei profitiert die Kreditwürdigkeitsvorhersage solche Technologieriesen vom erleichterten Datenzugang im Konzern.

Goldman Sachs reagiert

Erinnern sie sich an die Eingangsthese von Christensen, dass etablierte Unternehmen angeblich lieber in High-End-Märkte mit größeren Volumen und höheren Margen investieren? Der in der internationalen Champions League des Investmentbankings spielende US-Finanzkonzern Goldman Sachs jedenfalls scheint das Dilemma erkannt zu haben. Er ist bereits mit der 2016 gestarteten Online-Tochter Marcus erfolgreich in das Privatkundengeschäft gestartet. Marcus punktet mit Kleinkrediten und verzinsten Einlagen, die nach Medienberichten in den USA und Großbritannien bereits auf 60 Mrd. Dollar gestiegen sind. Das Geschäft von Marcus erweitert die Bank schrittweise um Zahlungsverkehr und Vermögensanlagen. In der Bank soll bereits kritisiert werden , dass die Retaileinheit überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit vom Top-Management erhält, obwohl sie 2019 nur 2,3 Prozent zu den Erlösen beigetragen hat. Christensen sagte in seinem Buch solche Widerstände voraus.

Goldman Sachs setzt neuerdings nicht nur auf das Privatkundengeschäft, sondern möglicherweise auch bald auf das Finanzierungsgeschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen. Nach Medienberichten ist die US-Bank in Gesprächen, um Händlern auf der E-Commerce-Plattform von Amazon automatisiert kleine Geschäftskredite anzubieten. Die Bank soll dazu an einer Software arbeiten, die sich in die bestehende Kreditplattform von Amazon einklinkt. Amazon fördert über diese Kooperation den eigenen Marktplatz und verlagert die mit der der Kreditvergabe verbundenen regulatorischen Anforderungen.

Die Beispiele zeigen, woher im Zuge der Digitalisierung die Finanzierung kleinerer und mittlerer Unternehmen künftig verstärkt kommen kann: Vom Plattformgeschäft und/oder von Dienstleistern, die mehr als einen Service bieten. Und es gibt keinen Grund für die Erwartung, dass die Aufwärtsmobilität der Fintechs nach der 200-fachen Erhöhung der Obergrenze für Einzelkredite zwischen 2009 und heute, ausgerechnet jetzt zum Erliegen kommen sollte. Daher scheint auch die Abwärtsmobilität von Goldman Sachs eine folgerichtige Strategie zu sein.

 


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution