FinanzevolutionInvasion alternativer Finanzierungsplattformen

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Plattformen erweitern Zielmärkte

Das eigenkapitalnahe und für Anleger riskantere Crowdinvesting stellt mit 17 Prozent des Gesamtmarktvolumens in 2015 das zweitgrößte Teilsegment dar. Das Informationsportal crowdfunding.de hat Anfang Februar neue Zahlen zum Crowdinvesting-Markt für 2016 in Deutschland veröffentlicht. Danach wurden im vergangenen Jahr 120 Projekte mit einem Volumen von 63,8 Mio. Euro finanziert. Der Markt verzeichnet damit ein Wachstum von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Diese Daten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Crowdfunding in der gegenwärtigen Finanzierungspraxis bisher nur eine sehr marginale Rolle spielt. Schaut man auf Daten der Deutschen Bundesbank, dann nahm die Außenfinanzierung deutscher Unternehmen in 2015 um 100,5 Mrd. Euro zu (siehe Deutsche Bundesbank: “Ertragslage und Finanzierungsverhältnisse deutscher Unternehmen im Jahr 2015”, S. 69). Damit beträgt der Anteil der oben genannten 272 Mio. Euro, der aber auch private Finanzierungen enthält, gerade einmal 0,27 Prozent am Außenfinanzierungsvolumen.

Trotz der noch sehr geringen Marktanteile ist es interessant zu sehen, wie die Plattformen im Laufe der Jahre ihre Zielmärkte erweitern. War in der Anfangszeit das Crowdinvesting auf Start-ups mit Maximalbeträgen von 100.000 Euro und das Crowdlending auf Privatpersonen bis maximal 25.000 Euro beschränkt, helfen längst Plattformen wie Creditshelf oder Giromatch auch größeren mittelständischen Unternehmen bei der Finanzierung. Die gerade erst gestartete Plattform Firstwire vermittelt Schuldscheindarlehen, Namensschuld-Verschreibungen und Darlehen und richtet sich laut ihren FAQs nur an professionelle Marktteilnehmer. Die Stadt Essen platzierte nach einem Beitrag des Fachblogs Bankstil über die Plattform im Herbst letzten Jahres ein Darlehen in Höhe von 5 Mio. Euro für die Liquiditätssicherung. Damit hat sich erstmals auch eine Kommune über digitale Kreditmarktplätze finanziert und Sekundärhandel für Schuldscheine geplant. Das Berliner Unternehmen Crosslend will Banken helfen und Kredite als Wertpapiere über Börsen handelbar machen.

N26 – Kredit per Smartphone-App

Die Ausschaltung der Banken bedeutet aber, dass die Probleme, die Banken im Zusammenhang mit Finanztransaktionen lösen, nun vom Markt behoben werden müssen. Neben der rechtssicheren Transaktionsabwicklung gehört dazu die Lösung von Informations-, Größen-, Fristen- und Risikoproblemen. Privatpersonen dürften dabei eher überfordert sein. Fintechs gehen diese Herausforderungen aber Schritt für Schritt an, in dem sie die Risiken mit eigenen Modellen transparent machen oder verschiedene Kredite in einem Portfolio zusammenfassen.

Die aktuellen Entwicklungen sind umso bemerkenswerter, wenn man sich anschaut, was eines der ambitioniertesten Fintechs in Deutschland gerade angekündigt hat: N26 will per Smartphone-App automatisiert Kredite vergeben. Das Berliner Unternehmen (früher Number 26) bringt einen Echtzeit-Kredit an den Markt, bei dem sich N26-Kunden zwischen 1000 und 25.000 Euro mit einer Laufzeit von ein bis fünf Jahren von der Fintech-Bank leihen können. In wenigen Sekunden soll eine komplett digitale Bonitätsprüfung durchgeführt werden können. Der Kunde soll nach Darstellung des IT-Finanzmagazin sofort nach Vergabe auf das Geld zugreifen können. Kunden kommen so schneller und bequemer an einen Kredit, sicher aber nicht einfacher. Die Risikoeinschätzung von N26 auf Basis der Kunden- und Schufadaten wird bankenüblichen Standards entsprechen. Im Klartext, auch bei N26 bekommt nicht jeder Kunde einen Kredit.

Interessant ist dabei übrigens, dass N26 nicht wie beim Auslandszahlungsverkehr und dem Anlagegeschäft auf Kooperationspartner  setzt, sondern ein eigenes Kreditbuch führt und damit auch voll im Risiko steht. N26 hat im Sommer für die N26 Bank GmbH von der deutschen Finanzaufsicht die Erlaubnis für mehrere Geschäftsarten erhalten, darunter auch für das Kreditgeschäft. Daneben hat sich das Institut mit Markus Gunter und Matthias Oetken zwei im Bankgeschäft erfahrene Manager an Bord geholt.

Die Unternehmensberatung Investors Marketing glaubt, dass Fintechs bis 2020 einen Marktanteil bei Konsumentenkrediten von 5,5 Prozent erreichen können. Für eine Firmenkredite sollen es laut einer Studie des Portals Statista bis 2021 4,1 Milliarden sein (Quelle: Handelsblatt). Ich halte die Zahlen nicht für unrealistisch, das Wachstumstempo müsste dann deutlich zulegen.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.