GastkommentarFinanzsystem 2020: Boomende Schattenbanken, strauchelnde Banken

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Schattenbanken werden unzureichend reguliert

Doch woher kommt diese ungleiche Dynamik in der Kreditvergabe? Ein wesentlicher Faktor ist die unterschiedliche Regulierung: Für Banken ist diese seit der Finanzkrise 2008 zumindest etwas strenger geworden, für das marktbasierte Finanzsystem hingegen, also etwa Pensionsfonds, Geldmarktfonds oder Hedgefonds, änderte sich wenig. Diese Institute werden auch als Schattenbanken bezeichnet, da sie bankenähnliche Funktionen beispielsweise in der Kreditvergabe ausüben, aber keine Banken sind.

Die Zentralbanken agierten schnell und entschlossen, um sowohl die Banken als auch Schattenbanken zu stabilisieren. Nur fehlt bei letzteren ein Konzept, um Anreizkonflikten vorzubeugen. Dies lässt sich am Beispiel einiger Hedgefonds-Geschäfte im März 2020 verdeutlichen. Dabei investierten Hedgefonds im großen Stil in eine vermeintlich sichere Anlagestrategie, die auf US-Staatsanleihen basierte. Durch die Pandemie entwickelten sich die Preise anders als erwartet und die Fonds mussten im März massiv Anleihen verkaufen, da ihre Cash-Puffer zu gering waren. Als die Zentralbanken durch ihre Anleihenkäufe am Markt intervenierten, stabilisierten sie nicht nur den Markt für Staatsanleihen, sondern retteten gleichzeitig die Hedgefonds. Dadurch entstehen Anreize für risikoreiches Verhalten im Schattenbanksystem.

Es gilt also Liquiditätsrisiken im Schattenbanksystem strenger zu regulieren, dadurch könnte auch das Ungleichgewicht in der Kreditvergabe zumindest teilweise korrigiert werden. Liquiditätsrisiken spielten 2008 in der Pleite von Lehman Brothers eine wichtige Rolle, und sie waren eine Ursache der Probleme im März 2020. Im Bankensystem hingegen gab es im März 2020 keine vergleichbare Liquiditätskrise: Die Cash-Puffer der Banken – vorgeschrieben durch Basel 3 – halfen, einen unmittelbaren Zusammenbruch aufgrund von Illiquidität zu verhindern.

Solange die Risiken von Schattenbanken unzureichend reguliert werden, droht die ungleiche Dynamik beider Kreditsysteme große Unternehmen relativ zu kleinen einen systematischen Vorteil bei ihren Finanzierungsbedingungen zu verschaffen. Die gesellschaftliche Tragweite könnte gerade in der Corona-Krise enorm sein: Es besteht Anlass zur Sorge, dass kleine und mittelständische Unternehmen größere Verluste in dieser Krise hinnehmen müssen als große Unternehmen, da sich diese im Schnitt leichter anpassen oder auf digitalen Vertrieb umstellen können. Wenn die Regulierer in dieser Situation obendrein akzeptieren, dass große Firmen am Kapitalmarkt leichter Kredite erhalten als kleine und mittelständische Unternehmen bei Banken, dann könnte die Konzentration im Unternehmenssektor rasant ansteigen. Die großen Unternehmen können sich sehr günstig verschulden und das zusätzlich Kapital nutzen um kleinere zu übernehmen.

Der leichtere Zugang zu Krediten am marktbasierten Finanzsystem könnte einer derart großen Übernahmewelle kleiner durch großer Unternehmen Vorschub leisten, dass sich das Bild unserer Gesellschaft verändern könnte. Wir benötigen dringend strengere Regeln für das marktbasierte Finanzsystem. Höhere Standards für Liquiditätspuffer und Stresstests für Schattenbanken könnten dabei helfen das Ungleichgewicht zu korrigieren.


Christoph Becker ist Professor für Finanzmathematik und Stochastik an der Hochschule Darmstadt, Michael Peters ist Referent für Finanzmärkte bei der Bürgerbewegung Finanzwende.