FinanzevolutionFinanzderivate werden smart – irgendwann

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Derivate werden smart

Außerbörsliche Derivate bleiben komplex, sehr aufwendig in der Abwicklung und im Risikomanagement. Daher stellen sich einige Marktprofis die Frage, ob nicht mit Hilfe neuer Technologien Derivate neu erdacht werden können. Zu diesen neuen Technologien gehören die Distributed-Ledger-Technologie und die sogenannten „Smart Contracts“.

Distributed-Ledger-Technologie  steht für verteiltes Kontenbuch und meint eine dezentral geführte Datenbank, die ohne zentrale Autorität von mehreren Teilnehmern verändert werden kann. Smart Contracts gelten als in Computerprogramme umgesetzte Verträge, mit denen Daten aus verschiedenen Informationsquellen überwacht und ausgewertet werden. Sind zuvor festgelegte Bedingungen erfüllt, führt der Softwarecode des Smart Contracts selbstständig einen Befehl aus, wie etwa die Anweisung einer Zahlung oder die Übertragung von Verfügungsrechten.

So war das Start-up Synswap  angetreten, um mit Hilfe der Distributed-Ledger-Technologie eine bessere Infrastruktur für Credit Default Swaps und andere OTC-Derivate aufzubauen. Die Geschäfte werden auf Basis von Smart Contracts modelliert. Das US-Clearinghouse DTCC hat im November vergangenen Jahres einen Test mit 15 großen  Kreditderivate auf DLT-Technologie und Cloud umzustellen. Auch die Banken Barclays und Goldman Sachs arbeiten nach einem Medienbericht daran zusammen mit der Handelsorganisation und Interessenvertretung ISDA daran, die DLT-Technologie für Derivate zu nutzen.

In dem Working Papier „Smart Derivative Contracts“ haben meine Kollegen aus der DZ Bank Christian P. Fries und Peter Kohl-Landgraf eine neue Form eines Derivatekontraktes als Smart Contract zur Diskussion vorgestellt. Fries und Landgraf haben einen Derivatevertrag formuliert, mit dem das Kontrahentenausfallrisiko reduziert wird, weil der Vertrag automatisch beendet wird, wenn keine ausreichende Finanzierung im Voraus bereitgestellt wird. Dieses Design ergänzt bestehenden Sicherheitenverfahren (Fachleute sprechen hier von Collateral-Management) und reagiert auf Marktwertänderung. Dieser Smart Derivate Contract (SDC) ermöglicht eine vollautomatische Abwicklung rechtlicher Vereinbarungen über OTC-Derivate. Wenn der Vertrag störungsfrei bis zum Ende läuft, generiert er die gleichen wirtschaftlichen Cashflows wie ein klassisches Derivat.

Digitale Token gängiger Währungen fehlen

Im Kern kehrt ein solcher SDC den bisherigen Sicherheiten-Prozess um. Statt eines aufwendigen und zeitversetzten Austauschs von Sicherheiten fordert der SDC, dass potentielle Zahlungsverpflichtungen täglich vorfinanziert werden. Bleibt diese Vorfinanzierung aus, wird der Vertrag automatisch vorzeitig beendet. Dieses Vorgehen zwingt die Parteien zu hoher prozessualen Effizienz. Dafür wird die Abwicklung deutlich vereinfacht und existierende Abwicklungs- und Erfüllungsrisiken werden eliminiert.

Ein SDC überführt die zentralen Vertrags-Bestandteile in Computer Code. Um die Abwicklung solcher Smart Contracts vollautomatisiert durchzuführen, müsste der Algorithmus automatisch digitale Geldeinheiten zwischen Konten transferieren können. Dies könnte am effizientesten mit sogenannten „Stable oder Settlement Coins“ geschehen. Solche Stable Coins ähneln in der Konstruktion Kryptowährungen, eine zentrale Treuhandstelle reguliert hier allerdings den Umlauf und garantiert den Umtausch zum Beispiel in Euro. Bisher hat die Europäische Zentralbank einen solchen digitalen Euro nicht auf der Agenda. Nach Medienberichten arbeitet die Deutsche Börse am Konzept eines Collateral Coins. Ähnlichen Konstrukten testen die US Großbank JP Morgan sowie die schwedische Zentralbank.

Evolution braucht Zeit

Es gibt in Fachkreisen bereits eine intensive juristische Diskussion, ob Computer-Protokolle rechtlich bestehende Verträge in der Form ersetzen können, dass sie rechtlich bindend sein können (Motto „Code is Law“). Die Internationale Derivate-Vereinigung (ISDA) hat zu dem Thema Automatisierung von Derivateabwicklung bereits mehrere Veröffentlichungen publiziert. In einer internationalen Working Group werden diverse insbesondere rechtliche Facetten untersucht, wie Derivate-Abwicklung automatisiert werden kann. Insbesondere besteht die Herausforderung, alle bisherigen Rahmenverträge in ein digitalisierbares Format zu bringen und dabei sehr genau zu unterscheiden, welche rechtlichen Klauseln automatisiert werden können und welche nicht.

Die hier skizzierten Ansätze im für die Finanzmärkte so wichtigen außerbörslichen Derivategeschäft sind anspruchsvoll, weil die Geschäfte selbst, die Abwicklungs- und die Risikomanagementprozesse sehr aufwendig und komplex sind. Daneben stehen diese Geschäfte unter aktiver Beobachtung verschiedener Aufsichtsbehörden. Wenn sich die neuen Verfahren in den nächsten zwei oder drei Jahren als technisch und juristisch robust erweisen sollten, bleibt immer noch die Frage, welcher Ansatz sich durchsetzt und ob und wie Finanzhäuser mit ihren in herkömmlicher Form abgewickelten Geschäften umgehen werden. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass auch die Märkte für Finanzderivate von der Digitalisierung profitieren ist sehr hoch. Es macht Sinn, sich schon jetzt an der Entwicklung und Diskussion zu beteiligen, weil man es bei der Materie sonst schwer haben wird, den Rückstand an Know-how und Technologie aufzuholen.