Capital-History

Die großen BetrügerWie Gregor MacGregor eine ganze Nation erfand

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Paradies für Mutige

Überhaupt, die Eingeborenen. Erbfeinde der barbarischen Spanier. Ihre Freundschaft mit Großbritannien dagegen sei „seit jeher konstant und ohne Unterbrechung“ gewesen, und sie hätten stets „den bemühten Wunsch gehegt, sich die Künste Europas anzueignen, was belegt ist durch ihre wiederholten Einladungen an die Briten, in ihrer Mitte Siedlungen zu errichten“.

Poyais, das ging aus dem Handbuch hervor, war ein Paradies für mutige Briten, die aus ihrem Leben etwas machen wollten. Ein Eldorado.

Das Handbuch für potenzielle Siedler in Poyais zeigt regen Schiffsverkehr vor der Küste des Landes. Doch der Stich war frei zusammenfantasiert. So wie das ganze Buch über den Staat, den es nie gab
Das Handbuch für potenzielle Siedler in Poyais zeigt regen Schiffsverkehr vor der Küste des Landes. Doch der Stich war frei zusammenfantasiert. So wie das ganze Buch über den Staat, den es nie gab

Das klang alles zu gut, um wahr zu sein. Doch die Detailkenntnis des Autors machte den „Sketch“ so glaubwürdig. Das Konvolut kam wissenschaftlich daher. Zitate anderer Forschungsreisender, akkurate biologische Beschreibungen, Businesspläne für künftige Plantagenbesitzer – alles da. Nur leider von vorn bis hinten erlogen. Ob es je einen Thomas Strangeways gegeben hat, ist ungeklärt. Wahrscheinlich hat MacGregor einen Ghostwriter beauftragt – oder das Buch selber geschrieben. Die Namenswahl deutet auf Humor: „Strangeways“ lässt sich mit „merkwürdige Sitten“ übersetzen. Man darf sich vorstellen, wie MacGregor bei dieser Narretei vergnügt in sich hineinkichert.

Alle Zutaten für einen gigantischen Betrug waren nun vorhanden: ein schillernder Regierungschef, der in Londons besten Kreisen verkehrte. Eine aggressive Marketingstrategie. Die Fassade eines Staates mit Flagge, Ehrenzeichen, Urkunden, Währung und glänzenden wirtschaftlichen Aussichten. In London Bullenstimmung, ein Überfluss an Kapital – und die Gier, es gewinnbringend zu investieren. Der Rest war ein wenig gute Organisation.

MacGregor verkaufte zum einen Land – über die poyaisianische Gesandtschaft in London und Land Offices in Schottland, die er extra eingerichtet hatte. Die Verkäufe übertrafen alle Erwartungen. Der „Sketch“, MacGregors zahlreiche Zeitungsinterviews, eigens komponierte, von Gassensängern vorgetragene Balladen über Poyais – all das befeuerte einen Run auf die Grundstückszertifikate. Annoncen informierten potenzielle Investoren im Juli 1822, der Preis für einen Morgen Land in Poyais betrage derzeit zwei Schilling und Threepence, werde jedoch demnächst der hohen Nachfrage wegen auf zwei Schilling und Sixpence steigen. Bald schon kostete ein Morgen vier Schilling.

Dann die Staatsanleihen. Als Emissionsbank wählte er Sir John Perring, Shaw, Barber & Co. Sir John war schwer beeindruckt von dem umtriebigen Cazique. Der seinerseits schätzte, dass sein Bankier – ein früherer Lord Mayor – ihm zusätzliche Reputation verschaffte.

Am 23. Oktober 1822 ging das Papier in den Verkauf. 200.000 Pfund sollte Sir John einsammeln. Wie bei südamerikanischen Anleihen damals üblich offerierte die Bank es zu einem Discountpreis von 80 Prozent des Nominalwerts. Erhältlich waren Schuldverschreibungen zu 100, 200 und 500 Pfund. Laufzeit: 30 Jahre, jährliche Verzinsung: sechs Prozent. Nach einer Anzahlung von 15 Prozent wurde der Restbetrag in zwei Raten im Januar und Februar 1823 fällig.

Eine Wette, na und?

Es gab da freilich einen Haken, der kritische Investoren hätte beunruhigen können: Eine Investition in Poyais war nichts als eine Wette auf die Zukunft. Denn die Rendite sollte aus zukünftigen Steuer- und Zolleinnahmen bezahlt werden. Unglücklicherweise sah sich der Cazique außerstande darzulegen, was seine Regierung in der Vergangenheit eingenommen hatte. Die Investoren brauchten eine Rückversicherung, dass die Goldnuggets bald wirklich aus den Flüssen gesiebt und die fruchtbaren Böden beackert würden. Da war es von Vorteil, dass zum Fälligkeitsdatum der zweiten und dritten Rate zwei Auswandererschiffe unterwegs sein würden: die Honduras Packet und die Kennersley Castle.

Am 22. März 1823 standen die Siedler um James Hastie an der sumpfigen Mündung des Black River. Sie waren enttäuscht, verwirrt, wütend. Und fällten die einzig mögliche Entscheidung: Sie begannen, die Kennersley Castle zu entladen.

Sie wollten in Poyais bleiben. Denn genau wie die Passagiere der Honduras Packet hatten sie nur eine einfache Fahrt gebucht. Wie hätten sie die Rückfahrt bezahlen sollen – mit Poyais-Dollar? Sie hatten ihre Ersparnisse umgetauscht, ihren Besitz verkauft, ihre Arbeit in Schottland aufgegeben. In der alten Heimat kämen sie als Gescheiterte an, nicht als die erfolgreichen Kolonialisten ihrer Tagträume.