Capital-History

Die großen BetrügerWie Gregor MacGregor eine ganze Nation erfand

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Doch andere ließen sich blenden. Von Bolívar hatte sich MacGregor die bombastische Rhetorik abgeschaut, von General Miranda die Extravaganz. Innerhalb von zwei Jahren nach seiner Rückkehr etablierte sich MacGregor in London als gesellschaftliche Größe. Ein adliger Abenteurer und revolutionärer Kriegsheld, der sich zu kleiden wusste und zu reden verstand. Das kam an. Doch all das Blendwerk hätte wohl kaum so gezündet, wäre ihm nicht auch die Stimmung entgegengekommen. Die City of London, schon damals Nabel der Finanzwelt, war reif für einen großen Betrug.

Zu jener Zeit fasste die Industrialisierung Tritt in Großbritannien. Fabrikbesitzer und Bankdirektoren akkumulierten jede Menge Kapital. Seit der Seeschlacht von Trafalgar 1805 kam keine fremde Macht mehr der britischen Handelsflotte in die Quere, die Reichtümer aus den Kolonien heranschaffte. Die Wirtschaft wuchs, die Kassen und Tresore des Empire waren gut gefüllt. Das machte Zuversicht und gute Laune.

Bloß: Wohin mit dem Geld? Viele Jahre hatten die Frühkapitalisten ihre Pfund mit Vorliebe in britische Staatsanleihen gesteckt. Doch nach der Schlacht von Waterloo 1815 musste die Regierung Ihrer Majestät nicht mehr so viele Schulden aufnehmen: Die teuren Kontinentalkriege waren vorbei. Der Consol, das beliebteste Papier, brachte bald nur noch drei Prozent Rendite. Viele Investoren stiegen um. Preußen, Dänemark und Russland sammelten in den frühen 1820ern in London Millionen ein und zahlten dafür jährlich fünf Prozent. Zunehmend daran gewöhnt, auch fremden Regierungen ihr Geld anzuvertrauen, war die City bereit für den nächsten großen Markttrend: Südamerika.

Legendäre Goldminen

Schon damals folgte die Finanzwelt Moden, die sich mitunter verselbstständigten. Was um 2007 Credit Default Swaps waren, waren um 1822 südamerikanische Staatsanleihen. Das spanische Weltreich zerfiel durch die Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika, und die britische Konkurrenz betrachtete das mit Verzückung. Sicher würden die neuen Republiken ihre zuvor verschlossenen Häfen den englischen Kaufleuten öffnen! Und wer hatte nicht von den legendären Gold- und Silberminen des Kontinents gehört? Wenn das keine Sicherheiten waren, was sollte Sicherheit dann sein?

In kurzer Folge legten Brasilien, Peru, Chile, Guatemala, Kolumbien und Mexiko Anleihen auf, meist zu Discountpreisen und mit einem Renditeversprechen um die sechs Prozent – doppelt so viel wie der britische Consol. Herrlich! Die Euphorie dieses ersten Schwellenländerbooms bereitete den Boden für einen weiteren Marktteilnehmer: Poyais.

Gut, gehört hatte von diesem Poyais noch niemand etwas. Aber im Chaos der südamerikanischen Befreiungskriege erklärten ständig Kolonien ihre Unabhängigkeit, schlossen abtrünnige Provinzen sich in wechselnden Konstellationen zusammen. Neue Republiken zerfielen über interne Rivalitäten oder wurden von spanischen Royalisten zurückerobert. Dass da plötzlich ein neuer Staat mit exotischem Namen auftauchte, musste nicht unbedingt skeptisch machen.

Zudem besserte sich die Informationslage über Poyais bald nachhaltig. 1822 brachten zwei Verlage in Edinburgh und London ein dickes, in Leder gebundenes Buch heraus. Titel: „Sketch of the Mosquito Shore, Including the Territory of Poyais“. Verfasst hatte dieses Siedlerhandbuch ein gewisser Thomas Strangeways, seines Zeichens Kapitän des First Native Poyer Regiment und Flügeladjutant Seiner Hoheit Gregor, Cazique von Poyais.

Auf 355 Seiten legt Strangeways die unerhörten Vorzüge seines Landes dar. Selbst bei der naheliegendsten Befürchtung gibt er Entwarnung: Der Name „Mosquito Shore“ habe mitnichten mit Moskitos zu tun, „da es wohl nur wenige Länder in den Tropen gibt, die in so geringem Maße von diesen unliebsamen Insekten behelligt werden“. Detailliert beschreibt Strangeways die Geografie von Poyais, die Goldvorkommen, das milde Klima. In den Wäldern wüchsen Mahagoni, Orangen, Vanille und Pfeffer; durch die Ebenen spazierten Antilopen, Truthähne und Wildschweine. Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Tabak oder Baumwolle könne man dort anbauen – also alle denkbaren Cashcrops. Arbeitskräfte? Kein Problem: „Die eingeborenen Indianer verdingen sich bereitwillig bei jedem Siedler für einen vorgegeben Zeitraum zu einem festgelegten Preis.“ Schlappe 25 Schilling seien ein üblicher Monatslohn, doch in der Regel zögen sie es vor, in Kleidung und Tand bezahlt zu werden.