Capital-History

Die großen BetrügerWie Gregor MacGregor eine ganze Nation erfand

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Schon bald nach seiner Ankunft in London zwei Jahre zuvor hatten Geschichten über seine Großtaten die Runde gemacht. MacGregor sei, so konnte man hören, nicht nur Sprössling des berühmtesten schottischen Clans, sondern auch ein Veteran des Krieges, in dem die Briten und Spanier Napoleon von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatten. Später sei er nach Caracas übergesiedelt, um Simón Bolívar bei der Befreiung Südamerikas zu dienen. Seine Gattin Josefa, eine schwarzhaarige Schönheit, sei gar Bolívars Cousine, und obendrein habe der ihn zum Generalmajor befördert und ihm den Befreier-Orden verliehen.

Außerdem sei er quasi Staatschef. Die Briten unterhielten zur damaligen Zeit ein Protektorat an der Karibikküste, ein Streifen Land am Meer, wo heute Nicaragua und der Süden von Honduras liegen: die Miskitoküste. Angesichts von MacGregors Meriten klang es plausibel, dass George Frederic Augustus I., König der Miskitoküste, ihm die Regierungsgewalt über weite Teile seines Landes zuerkannt hatte. Ein handschriftliches Dokument belegte das. Denn als anglophiler Herrscher eines Eingeborenenvolks wünschte der König, dass Europäer sein Reich entwickelten. Seine Untertanen waren so angetan, dass sie MacGregor zu ihrem Führer – Cazique – gewählt hatten. Doppelt legitimiert durch Monarch und Volk, war er nach London gekommen, um den Aufstieg von Poyais, dem neuen, hoffnungsvollen Staat, in die Wege zu leiten.

Eine tolle Story, die die High Society und viele Journalisten nur zu gerne fraßen. Sie klang aufregend, exotisch, überzeugend. Es war eines der größten Talente MacGregors, die Wahrheit so zu biegen, aufzublasen und um Erfundenes herumzuwinden, dass ein schillerndes, unwiderstehliches Gesamtbild entstand.

Er entstammte tatsächlich dem schottischen Adel. Seine Frau, die er in Caracas kennengelernt hatte, war wirklich eine Cousine Bolívars. Auch war er während des Kriegs gegen Napoleon in Portugal stationiert. Allerdings flog er aus seiner Einheit, bevor er auch nur eine Schlacht gesehen hatte. Michael Rafter, ein zeitgenössischer kritischer Biograf erklärt, MacGregor habe sich mit einem Vorgesetzten gestritten – eine eigentlich nichtige Sache, die so ausartete, dass der Soldat für sein Regiment untragbar wurde. Der Ritterschlag, den ihm Portugals König für seine Verdienste erteilt haben soll, entsprang MacGregors Fantasie.

1812 tauchte er in Venezuela auf und überredete den Oberbefehlshaber der Revolution, General Francisco de Miranda, ihm Verantwortung zu übertragen. Schließlich sei er ein erfahrener Militär: Neben dem „Sir“ gönnte sich MacGregor inzwischen auch einen „Colonel“. Er stieg in den Rängen auf und feierte einige militärische Siege. Häufiger durchlitt er Niederlagen, die er freilich zu seinen Gunsten umzudeuten lernte.

Mit einem kurzen Angriff luchste MacGregor 1817 den Spaniern vor der Küste Floridas ein Inselchen von 47 Quadratkilometern ab. Groß genug, um dort die „Republik der Floridas“ auszurufen – die zwei Monate bestand. Aus Angst vor einem spanischen Gegenschlag verschwand er von der Insel, ohne seine Soldaten zu bezahlen. (Den ganzen Feldzug hatte er finanziert, indem er reichen Amerikanern Land andrehte, das er noch nicht erobert hatte.)

Flucht aus dem Fenster

1819 überfiel er mit einer kleinen Flotte zwei Küstenfestungen in Neugranada, auf dem Gebiet des heutigen Kolumbien und Panama. Dank Tollkühnheit und Glück gelang die Eroberung. Doch MacGregor versäumte, die Orte dauerhaft zu sichern. So eroberten die Spanier sie im Handumdrehen zurück, wobei sie einen Großteil seiner Männer niedermetzelten. MacGregor verdrückte sich – einmal, indem er eine Matratze aus dem Fenster warf und hinterhersprang.

Alles wenig ruhmreich. Der künftige Cazique jedoch verkaufte seine Taten als grandiose Siege, die ihm nur durch Verrat entrissen worden waren. Er nannte sich nun „Befreier der Floridas“ und „Seine Majestät, der Inka von Neugranada“.

Viele durchschauten ihn. „Ich habe die Schnauze voll von diesem Aufschneider oder Don Quijote oder weiß der Teufel was“, notierte schon früh ein Beamter in Neugranada, der seinetwegen „zehntausend Peinlichkeiten“ fürchtete. Die britischen Behörden auf Jamaika betrachteten ihn bald als Piraten. Nach seinen militärischen Desastern ließ Bolívar ihn wegen Hochverrats suchen.