Facebook-SkandalDas Zuckerberg-Tribunal

Facebook-CEO Mark Zuckerberg bei der Anhörung im US-Kongress
Facebook-CEO Mark Zuckerberg bei der Anhörung im US-Kongressdpa

„Senator, wir machen Werbung.“ Das sagte Mark Zuckerberg als Antwort auf die Frage von Senator Orrin Hatch, wie sein Unternehmen Geld verdiene, wenn es von den Nutzern seines Dienstes kein Geld verlange. Zuckerberg brachte in diesem Moment das erste Lächeln des Tages zustande.

Die Anhörung am Dienstag lief gut für den Facebook-Gründer, was sich auch am Aktienkurs von Facebook ablesen lässt, den die Wirtschaftssender während seiner Aussage genau verfolgten.

Der eigentlich stets leger gekleidete CEO trug diesmal einen Anzug, wenn auch keine weiße Perücke und schwarze Robe, was diejenigen, die ihm einen Mangel an Ernsthaftigkeit ankreiden, wohl auch nicht zufriedengestellt hätte. (Wenn die Alten die Jungen dafür kritisieren, dass sie jung aussehen, ist schon eine ganze Menge Ballast im Spiel.) Zuckerbergs Freunde sollten vielleicht für Ted Cruz spenden. Der Republikaner aus Texas würde ein Erdferkel im Vergleich sympathisch aussehen lassen.

Der Facebook-CEO hat die geläufige Behauptung, sein Unternehmen „verkaufe“ persönliche Daten, geschickt zurückgewiesen. Es behält die Kontrolle über die Daten seiner Nutzer und setzt sie ein, um Werbetreibende bei der Ansprache potenzieller Kunden zu unterstützen.

Es wurden auch Vorwürfe, die mit der eigentlichen Sache nichts zu tun haben, in die Debatte geworfen: Facebook mache süchtig. Es sei ein Monopolist. Die Russen missbrauchten es. Und Liberale arbeiteten dort.

Apple-CEO Tim Cook spielte vor ein paar Wochen hochnäsig auf das werbebasierte Geschäftsmodell von Facebook an (was nebenbei gesagt schon seit Jahrhunderten eine Basis für die Nachrichten- und Unterhaltungsbranche ist). Dieses Thema wurde während der Anhörung wiederholt quasi-pejorativ beschworen. Es sei daran erinnert, dass es nicht Facebook war, das vor kurzem ein Problem mit dem Diebstahl von privaten, intimen Prominenten-Heimvideos hatte. Apple war es!

Und warum? Facebook bietet eine Plattform für Informationen, die Menschen über sich selbst weitergeben wollen. Sie schreiben „Freunde“ an, um ein Publikum für ihre Offenbarungen zu erhalten.

Facebook fragt nie nach meiner Kreditkartennummer, was viele Webseiten tun. Und viele von ihnen hatten mit viel größeren Datenschutzproblemen zu kämpfen, was den Aufschrei über den Datenmissbrauch bei Facebook noch übertriebener erscheinen lässt. Facebook-Nutzer posten ihre Bankverbindung nicht. Wenn sie ihr Einkommen doch einmal erwähnen, ist es wahrscheinlich eine Lüge. Das Ergebnis, wenn man überhaupt davon sprechen kann, des angeblichen Facebook-Skandals war in der täglichen Routine kaum wahrnehmbar: Facebook-Nutzer sahen Anzeigen.

Google ist der größte Datensammler

Wenn Sie sich Sorgen machen müssen, dass jemand Ihre tief verborgenen Sehnsüchte in Werbung verwandelt, dann ist das nicht Facebook, sondern die Suchmaschine Google. Zuckerberg räumte ein, dass wahrscheinlich die Daten aller zwei Milliarden Nutzer abgegriffen wurden. Kein Witz! Google ist der größte Abgreifer: Wenn Sie bei Google nach einem Bekannten suchen, wird Ihnen häufig als erstes Ergebnis eine Facebook-Seite angezeigt. Aber wohlgemerkt, es geht hier um Informationen, die Facebook-Nutzer von sich preisgeben, weil sie wollen, dass man sie findet.

Nicht, dass es keine echte Bedrohung der Privatsphäre im Zusammenhang mit Social Media gibt. Es war eine angenehme Überraschung, dass Senator John Thune in seinem einleitenden Statement kurz darauf eingegangen ist. Bereits vor fünf Jahren haben Forscher gezeigt, dass eine winzige Stichprobe von „anonymisierten“ Handy-Standortdaten ausreicht, um einzelne Nutzer mit einer Genauigkeit von 95 Prozent zu identifizieren. Das geschieht, indem die Handydaten mit öffentlich zugänglichen Social-Media-Informationen abgeglichen werden.

Sie wären überrascht, wie viele Daten über Sie (Steuern, Gesundheit) von der Regierung an Außenstehende für Forschungs- oder kommerzielle Zwecke zur Verfügung gestellt werden, angeblich „de-identifiziert“. Ganz zu schweigen von den Daten, die Unternehmen über Sie sammeln. Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, hinterlässt Daten. Wer ein Auto fährt, hinterlässt eine Datenspur. Die Bedenken betreffen sogar Blut- und Gewebeproben von Krankenhäusern, die routinemäßig für Forschungszwecke weitergegeben werden.

Nun bedenken Sie, dass Sie die Welt freiwillig mit Tweets, Facebook-Posts, Web-Kommentaren usw. füllen, die eine Re-Identifizierungsbranche als Ressource nutzen kann, um Ihren Namen mit den angeblich anonymisierten statistischen Daten zu verknüpfen.

Eine Unternehmenskultur wird geopfert

Zum Glück lernen die Menschen dazu. Täglich werden neue Formen von Social Media erfunden. Je nach Art der Nachricht und Zielgruppe treffen die Nutzer bereits subtilere Entscheidungen darüber, ob sie per Sprache, Text, Facebook, Messaging-App, Tweet oder E-Mail kommunizieren wollen. Solche Lernprozesse sind wahrscheinlich eine bessere Lösung für die sozialen und medialen Zwickmühlen, als es sich der Kongress vorstellen kann.

Ich hatte von Beginn an Zweifel am Geschäftsmodell von Facebook, die ich hier nicht wiederholen will. Aber Zuckerbergs recht gesunde Einstellung, Dinge auszuprobieren und zu sehen was passiert, und dann seinen Kurs zu korrigieren, hat einen natürlichen Reiz. Diese Woche traf sein Credo leider auf Menschen für die das Eingeständnis eines Fehlers nur der letzte verzweifelte Ausweg ist, wenn eine Karriere droht, in die Hose zu gehen.

Es ist traurig zu sehen, wie Washingtons das zumindest zeitweise glänzende und lebendige Gespür für Möglichkeiten im Silicon Valley seinem Ethos unterordnet. Zuckerbergs Auftritt am Dienstag hat eine Dampfwalze, die seit Monaten an Fahrt gewinnt, nicht gestoppt.

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