Facebook-SkandalDas Zuckerberg-Tribunal

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Google ist der größte Datensammler

Wenn Sie sich Sorgen machen müssen, dass jemand Ihre tief verborgenen Sehnsüchte in Werbung verwandelt, dann ist das nicht Facebook, sondern die Suchmaschine Google. Zuckerberg räumte ein, dass wahrscheinlich die Daten aller zwei Milliarden Nutzer abgegriffen wurden. Kein Witz! Google ist der größte Abgreifer: Wenn Sie bei Google nach einem Bekannten suchen, wird Ihnen häufig als erstes Ergebnis eine Facebook-Seite angezeigt. Aber wohlgemerkt, es geht hier um Informationen, die Facebook-Nutzer von sich preisgeben, weil sie wollen, dass man sie findet.

Nicht, dass es keine echte Bedrohung der Privatsphäre im Zusammenhang mit Social Media gibt. Es war eine angenehme Überraschung, dass Senator John Thune in seinem einleitenden Statement kurz darauf eingegangen ist. Bereits vor fünf Jahren haben Forscher gezeigt, dass eine winzige Stichprobe von „anonymisierten“ Handy-Standortdaten ausreicht, um einzelne Nutzer mit einer Genauigkeit von 95 Prozent zu identifizieren. Das geschieht, indem die Handydaten mit öffentlich zugänglichen Social-Media-Informationen abgeglichen werden.

Sie wären überrascht, wie viele Daten über Sie (Steuern, Gesundheit) von der Regierung an Außenstehende für Forschungs- oder kommerzielle Zwecke zur Verfügung gestellt werden, angeblich „de-identifiziert“. Ganz zu schweigen von den Daten, die Unternehmen über Sie sammeln. Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, hinterlässt Daten. Wer ein Auto fährt, hinterlässt eine Datenspur. Die Bedenken betreffen sogar Blut- und Gewebeproben von Krankenhäusern, die routinemäßig für Forschungszwecke weitergegeben werden.

Nun bedenken Sie, dass Sie die Welt freiwillig mit Tweets, Facebook-Posts, Web-Kommentaren usw. füllen, die eine Re-Identifizierungsbranche als Ressource nutzen kann, um Ihren Namen mit den angeblich anonymisierten statistischen Daten zu verknüpfen.

Eine Unternehmenskultur wird geopfert

Zum Glück lernen die Menschen dazu. Täglich werden neue Formen von Social Media erfunden. Je nach Art der Nachricht und Zielgruppe treffen die Nutzer bereits subtilere Entscheidungen darüber, ob sie per Sprache, Text, Facebook, Messaging-App, Tweet oder E-Mail kommunizieren wollen. Solche Lernprozesse sind wahrscheinlich eine bessere Lösung für die sozialen und medialen Zwickmühlen, als es sich der Kongress vorstellen kann.

Ich hatte von Beginn an Zweifel am Geschäftsmodell von Facebook, die ich hier nicht wiederholen will. Aber Zuckerbergs recht gesunde Einstellung, Dinge auszuprobieren und zu sehen was passiert, und dann seinen Kurs zu korrigieren, hat einen natürlichen Reiz. Diese Woche traf sein Credo leider auf Menschen für die das Eingeständnis eines Fehlers nur der letzte verzweifelte Ausweg ist, wenn eine Karriere droht, in die Hose zu gehen.

Es ist traurig zu sehen, wie Washingtons das zumindest zeitweise glänzende und lebendige Gespür für Möglichkeiten im Silicon Valley seinem Ethos unterordnet. Zuckerbergs Auftritt am Dienstag hat eine Dampfwalze, die seit Monaten an Fahrt gewinnt, nicht gestoppt.

Copyright The Wall Street Journal 2018