DatenschutzFacebook - neuer Skandal, alte Verteidigungsstrategie

Facebook-Chef Mark Zuckerberg
Facebook-Chef Mark Zuckerberg steht angesichts des Datenskandals unter Druckdpa

Es ist nicht einfach, moralische Überlegenheit zu beanspruchen, wenn man in einem ethischen Nebel herumstolpert. Der Datenschutz ist für die IT-Riesen, die im Verbrauchergeschäft tätig sind, schon immer eine relative Größe. Es geht nicht darum, allgemeingültige Normen für den Schutz von Benutzerdaten zu entwickeln, sondern um allgemein akzeptierte Standards der jeweiligen Zeit. Da hilft es schon, wenn man sich mit einem Konkurrenten vergleichen kann, der die Messlatte niedriger legt. Wenn etwas schief geht, kann man immer mea culpa rufen und sich einem neuen, höheren Standard verschreiben.

Das ist die bewährte Verteidigungslinie eines der profitabelsten Werbeunternehmen, das je erfunden wurde.

Aber wie lange funktioniert diese Masche noch? Die Reaktion von Facebook auf die Krise wegen der Weitergabe von 50 Millionen persönlichen Nutzerdaten ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein Technologieunternehmen mit Forderungen nach mehr Regulierung umgeht. Erstens: Geben Sie zu, dass Sie dem Vertrauen der Benutzer nicht gerecht geworden sind – ohne konkret zu erklären, wie und woran Sie gescheitert sind. Weisen Sie darauf hin, dass die Probleme in der Vergangenheit liegen und Sie Ihre Richtlinien bereits geändert haben, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Versprechen Sie dann einige zusätzliche Schutzmaßnahmen, um den Datenschutz zu verbessern – ohne jedoch das Geschäftsmodell infrage zu stellen, das sich auf die Erfassung und Nutzung riesiger Mengen an persönlichen Daten stützt.

Zuckerbergs Entschuldigung

Die Weigerung, sich den eigenen Fehlern direkt zu stellen, ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Musters. Selbst nach den Maßstäben des Silicon Valleys, wo die Vergangenheit ausgeblendet wird, ist Facebooks Leugnung früherer Gepflogenheiten erstaunlich.

Schauen wir uns einen Post im Firmenblog von Ende 2017 an, in dem es um Schwachstellen geht, die dazu geführt haben, dass Benutzerdaten über Anwendungen von Drittanbietern weitergegeben wurden. Also genau das gleiche Thema, das im Mittelpunkt des Skandals steht, der das Unternehmen diese Woche erschüttert. Facebook räumt in dem Post ein, dass die Kritik an den Defiziten gerechtfertigt gewesen sei. Aber das Unternehmen will auch gelobt werden, weil es sich stets um die Privatsphäre gekümmert habe und „wir uns in den letzten fünf Jahren deutlich verbessert haben“. Das klang so, als müsse man an die Fehler der Vergangenheit keinen weiteren Gedanken mehr verschwenden. Vollkommen egal, dass Facebook bereits vor fünf Jahren an die Börse gegangen war und gerade die Grenze von einer Milliarde Nutzer übersprungen hatte.

Zum ersten Mal hat das Unternehmen nun versprochen, sich näher mit den Schwächen früherer Jahre zu befassen, die zu anderen Missbrauchsfällen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten geführt haben könnten. Angesichts des starken politischen Drucks in dieser Woche war das kaum zu verhindern.

Aber in jeder anderen Hinsicht sieht die Antwort vom Mittwoch auf den Cambridge Analytica-Skandal wie gewohnt aus: Behaupten Sie, dass Sie das Problem ernst nehmen, verschärfen Sie einige Regeln für den Datenaustausch, aber tun Sie nichts, was die goldene Gans gefährden könnte.

Das hat bei anderen Datenschutzproblemen funktioniert. Wird es diesmal anders sein? Die Signale von der Wall Street deuten darauf hin. Investoren machen sich seit einiger Zeit Sorgen wegen neuer Vorschriften für Consumer-Tech-Plattformen, ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gab. Jetzt gibt es ihn.

Amazon wertvoller als Facebook

Alle großen Tech-Aktien wurden am Montag von einem Abwärtssog erfasst, aber eine Besonderheit war offensichtlich. Unternehmen, die für ihr Online-Werbegeschäft auf die Erhebung von Daten angewiesen sind – wie Facebook, Google, Twitter – erwischte es stärker als andere Tech-Firmen.

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Deutlich sichtbar wurde das, als Amazon beim Börsenwert am Google-Mutterkonzern Alphabet vorbeizog. Höher bewertet als der Online-Händler ist jetzt nur noch Apple. Der iPhone Hersteller, der nicht auf Werbegeschäft angewiesen ist, hat sich schon vor einiger Zeit auf ein höheres Schutzniveau für die Privatsphäre seiner Nutzer festgelegt. Genau wie Microsoft kämpfte der Konzern gegen die US-Regierung, um Benutzerdaten vor dem ungerechtfertigten Zugriff durch Strafverfolgungsbehörden zu schützen – ein Ehrenabzeichen in einer Zeit, in der andere Plattformen die Überwachung des Privatsektors fördern.

Zyniker werden sagen, dass Facebook wieder mit einem Abhaken und dem Versprechen, es besser zu machen, davonkommen wird. Im Gegensatz zu Brüssel zeigt Washington keine Vorliebe für Datenschutzgesetze. Die Federal Trade Commission hat das Soziale Netzwerk vor sieben Jahren nach einem Vergehen an die kurze Leine gelegt, später aber nichts mehr unternommen, um es zu bremsen. Und auch wenn viele Nutzer diese Woche ihre Empörung zum Ausdruck gebracht haben, spricht doch nichts für eine groß angelegte Abmeldewelle.

Die Geschichte deutet darauf hin, dass dieser Sturm wie die anderen irgendwann vorbeiziehen wird. Doch der Einsatz ist noch einmal höher geworden: Eine riesige Zahl von Benutzerdaten steht auf dem Spiel – und auch die Behauptung, dass die Demokratie gefährdet sei.

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