KommentarFacebook leugnet sein größtes Problem

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Facebooks nächste Schritte

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte kürzlich, sein Unternehmen werde mehr tun, um den illegalen und schädlichen Missbrauch der Plattform zu bekämpfen. Der primäre Mechanismus zur Überprüfung von politischen und anderen Anzeigen werde „ein noch höherer Transparenzgrad“ sein, sagte er. Das solle unter anderem dadurch erreicht werden, dass alle Anzeigen auf der Website für jedermann sichtbar gemacht werden, während sie in der Vergangenheit nur bei ihrem Zielpublikum eingeblendet wurden. „Wir werden nicht nur gegen Bedrohungen vorgehen, sondern auch mehr Dienste zum Schutz unserer Gemeinschaft schaffen und uns gleichzeitig in den politischen Diskurs einbringen“, schrieb Zuckerberg.

Dieser Schritt ist ein guter Anfang, aber er entbindet Facebook nicht von seiner Verantwortung, die oberste Prüfstelle für jede Werbung zu sein, für die das Unternehmen bezahlt wird. Warum sollen wir, die Nutzer, für die Überprüfung von Anzeigen auf Facebook verantwortlich sein?

Normalerweise prüfen die meisten Medienunternehmen die Anzeigen, die bei ihnen geschaltet werden sollen und weisen solche mit beleidigendem oder illegalem Inhalt zurück, sagt Scott Galloway, Unternehmer und Professor für Marketings an der NYU Stern School of Business. Er ist Autor des Buches „The Four“, in dem er das rasante Wachstum und den Einfluss von Amazon, Apple, Facebook und Google kritisiert.

Zuckerberg bestätigte in einem kürzlich veröffentlichten Post, dass die Mehrheit der auf dem sozialen Netzwerk geschalteten Werbung weiterhin „gekauft werden wird, ohne dass der Inserent jemals mit irgendjemandem auf Facebook gesprochen hat“.

Das ist die falsche Äquivalenz. Die Menschen wollen wahrscheinlich nicht, dass Facebook alles, was unsere Freunde und Familie geschrieben haben, lesen kann, bevor es geteilt wird. Aber viele halten es für angemessen, dass Facebook solche Inhalte prüft, für deren Veröffentlichung und Verbreitung es bezahlt wird.

„Facebook genießt die hohen Bruttomargen und den Einfluss eines Medienunternehmens, reagiert aber allergisch auf die Verantwortung eines Medienunternehmens“, sagt Galloway.

Facebook muss mehr tun

Zuckerberg hat angekündigt, er werde 250 Mitarbeiter einstellen, um Anzeigen und Inhalt zu prüfen, die bei Facebook geschaltet werden sollen. Für Facebook, ein Unternehmen mit mehr als 14 Mrd. Dollar an freiem Cashflow im vergangenen Jahr, sei die Ankündigung 250 Mitarbeiter zusätzlich für Sicherheit- und Schutz abzustellen, ein schlechter Scherz, so Galloway. „Sie könnten 25.000 Mitarbeiter einstellen, 1 Mrd. Dollar für Künstliche-Intelligenz-Technologien ausgeben, um den 25.000 Mitarbeitern beim Sortieren, Filtern und Identifizieren fragwürdiger Inhalte und Anzeigen zu helfen, und ihr Cashflow würde um 10 bis 20 Prozent sinken.“

Mit der Mobilisierung eines großen Teams von Anzeigenkontrolleuren müsste sich Facebook von allen Seiten den Vorwurf der Verzerrung gefallen lassen. Schließlich gibt es für jeden eklatanten Missbrauchsfall Hunderte von Fällen, die sich in Grauzonen bewegen.

Facebook befindet sich also in einer kniffligen Lage. Aber das Netzwerk muss trotzdem mehr tun, oder es riskiert, dass Marke und Ansehen weiter Schaden nehmen – zwei Dinge, die für einen Dienst, der vom Vertrauen seiner Nutzer abhängig ist, von höchster Wichtigkeit sind.

Copyright The Wall Street Journal 2017