KommentarExportüberschüsse: Konsum in der Nebenrolle

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Bedingungen für Investitionen verbessern

Dennoch kann die Regierung im Hinblick auf Investitionen noch einiges tun. Diese sind nämlich seit dem Jahr 2000 um beinahe vier Prozentpunkte des BIP auf etwas über 17 Prozent im Jahr 2013 gesunken – ein niedriger Wert, gemessen an internationalen Standards. Die Regierung könnte mehr Ausgaben in Richtung Infrastrukturinvestitionen verlagern. Noch wichtiger allerdings wäre, die Bedingungen für Unternehmensinvestitionen im eigenen Land zu verbessern, anstatt zuzusehen, wie deutsche Firmen ihre Investitionen ins Ausland verlagern.

Mit einer einfacheren und investitionsfreundlicheren Besteuerung, besseren Anreizen für Firmengründungen sowie F&E, weniger Bürokratie und keinen weiteren Energiekostensteigerungen würde Deutschland für Investoren attraktiver. Es wird  seine Zeit dauern, bis es soweit ist. Doch angesichts der positiven Ertragslage und der hohen Barmittel des Unternehmenssektors könnte eine Neuausrichtung des Steuersystems rasch Wirkung zeigen. Aus einbehaltenen Gewinnen finanzierte Investitionen sollten ebenso attraktiv sein wie fremdfinanzierte. Und vorübergehende Anpassungen bei Abschreibungsbeträgen könnten ebenfalls Investitionen fördern.

Die Notwendigkeit von höheren Investitionen in Verkehr, Telekommunikation, Energie und Bildung ist natürlich nicht nur eine deutsche Sache. Angesichts der Schuldenprobleme der meisten europäischen Regierungen besteht die Herausforderung darin, mehr privates Kapital für diese Bereiche zu gewinnen. Bessere regulatorische Bedingungen für langfristige Investitionen und Ersparnisse wären ebenso hilfreich wie eine Ausweitung der Finanzierungsinstrumente für Infrastrukturinvestitionen – beispielsweise durch eine substanzielle Erhöhung des Angebots an Projektanleihen unterstützt durch die Europäische Investitionsbank.

Rückzug aus der ultralockeren Geldpolitik

Warum also nicht „Europäische Infrastrukturanleihen“ ins Leben rufen, die sich auf Einnahmen aus Investitionen oder Steuern jener Länder stützen, die diese Anleihen begeben?  Das würde nicht nur die Arbeitsplatzschaffung und das langfristige Wachstum ankurbeln, sondern auch den Anstieg des europäischen Außenhandelsüberschusses eindämmen.

Allerdings ist die Herausforderung der Neuausrichtung der Weltwirtschaft auch eng mit der Geldpolitik der Zentralbanken verbunden. Im Hinblick auf die langsam aber sicher einsetzende erneute Ausbildung von Kredit- und Vermögenspreisblasen sollte das Ziel der Behörden darin bestehen, das Wachstum weiterhin ausgewogenen und nachhaltig zu gestalten – und damit exzessive Risikoübernahme zu verhindern.   

Dies ist die Rechtfertigung für den schrittweisen Rückzug der US-Notenbank Federal Reserve aus der ultralockeren Geldpolitik. Etwas überraschend ist die Rücknahme der monatlichen Anleihenankäufe durch die Fed bislang von einer Schwäche des Dollar gegenüber dem Euro begleitet, was die externe Anpassung unterstützt. In Zukunft könnte sich dies allerdings ändern. Bleibt die Fed mit der Rücknahme ihrer geldpolitischen Impulse allein und die Anleiheerträge steigen weiter, wird das den Dollar fast sicher stärken. 

Eine koordinierte Anstrengung zur Begrenzung der Wechselkursschwankungen ist sicherlich ratsam. Wenn alle Länder versuchen, ihre Währungen auf schwachem Niveau zu halten, wird die monetäre Expansion auf globaler Ebene übermäßig prolongiert. Der nach wie vor niedrige Inflationsdruck ist kein Grund, die Planung eines Ausstiegs aus der ultralockeren Geldpolitik zu verzögern. Im Gegenteil, derartige Diskussionen werden am besten geführt, wenn die Inflation gering und die Märkte ruhig sind. Als die Zentralbanken vor 20 Jahren angesichts steigender Inflation die Zinssätze erhöhten, kam es zu Panik auf den Märkten und die Anleiherenditen stiegen. Diesen Fehler sollte man nicht wiederholen, indem man wartet, bis der Inflationsdruck – geschürt von steigenden Öl- und Rohstoffpreisen sowie der wirtschaftlichen Erholung – wieder steigt.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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