GastbeitragExpansive Geldpolitik: Wo bleibt die Inflation?

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Vermögenspreisinflation

Nun hat die amerikanische Immobilienkrise gezeigt, dass auch eine sehr lange Phase expansiver Geldpolitik nicht zwangsläufig zu steigenden Verbraucherpreisen führen muss. Die Politik der US-Notenbank Fed verursachte vielmehr eine Blase am Immobilienmarkt, deren Platzen die globale Finanzkrise nach sich zog. Stabile Verbraucherpreise sind also kein hinreichender Beweis dafür, dass expansive Geldpolitik unbedenklich ist. Sie kann sich auch durch steigende Preise inklusive Blasenbildung an den Vermögensmärkten bemerkbar machen.

Finanzmarktblasen lassen sich leider nicht eindeutig erkennen. Ob an einem Markt eine Preisblase existiert oder nicht, ist aber in jedem Fall nicht unabhängig vom Zinsniveau. Im aktuellen Niedrig- oder Nullzinsumfeld mögen die Bewertungen von Immobilien, Aktien und sonstigen Vermögenswerten gerechtfertigt erscheinen. Doch wie sähe es aus, wenn die Zinsen spürbar steigen? Könnten hochverschuldete Staaten ihre Schulden dann noch bedienen? Könnten sich Immobilienbesitzer die Anschlussfinanzierungen ihrer Kredite auch dann noch leisten? Und was würden höhere Zinsen für die Unternehmensgewinne und für die Aktienbewertungen bedeuten? Deutlich höhere Zinsen könnten zu scharfen Korrekturen an den Vermögensmärkten führen, mit entsprechend negativen Folgen für die Konjunktur und das Preisniveau. Die Notenbanken könnten also in der Nullzinspolitik gefangen sein, weil sonst die Gefahr von Turbulenzen an den Finanzmärkten bestände.

Inflation bloß verschoben?

Mit Blick auf die demographische Situation in vielen Industrienationen ist auch denkbar, dass die Inflation lediglich in die Zukunft verschoben wird. Noch bauen die Babyboomer aus einem Teil ihrer Einkommen einen Kapitalstock auf, den sie später im Ruhestand wieder auflösen, um damit ihren Konsum zu finanzieren. Die Kaufkraft wird also in die Zukunft verschoben. Dieses Sparverhalten drückt heute auf die Verbraucherpreise und erhöht tendenziell die Vermögenspreise.

Andersherum wird es sein, wenn die geburtenstarken Jahrgänge – das sind in Deutschland die Geburtsjahre 1955-1969 – in den nächsten Jahren nach und nach in den Ruhestand gehen. Ob es dadurch tatsächlich zu einer höheren Inflation kommt oder ob die höhere Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in Zukunft durch höhere Importe bedient werden kann, muss sich noch zeigen.

Hilfe der Notenbanken vorerst unverzichtbar

Unabhängig von den unterschiedlichen Theoriekonzepten und unabhängig von ordnungspolitischen Wunschvorstellungen werden die Notenbanken in den nächsten Jahren einen erheblichen Teil der Staatsschulden in ihren Büchern behalten. Damit werden die Zinsen für lange Zeit auf den extrem niedrigen Niveaus verharren. Anders können viele Länder die schon in den vergangenen Jahren sehr hohen und durch die Corona-Pandemie nochmals kräftig gestiegenen Staatsschulden nicht mehr tragen.

Angesichts des tiefen konjunkturellen Einschnitts und der insgesamt fragilen wirtschaftlichen Situation sollte eine neuerliche Staatsschuldenkrise tunlichst vermieden werden. Wie die Notenbanken aus dieser Zwangslage wieder herauskommen, ist eine der spannendsten Fragen dieser Dekade.

 


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