KolumneEuropaliga? Keine Experimente!

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Auch wenn diese Zahlen nur eine Momentaufnahme sind, die Sorge um die sportliche Spaltung und den Bedeutungsverlust der nationalen Ligen ist allgegenwärtig. Über Maßnahmen zum Erhalt des sportlichen Gleichgewichts wird schon lange diskutiert, ohne dass es bisher zu erkennbaren Lösungen gekommen ist. Würde man die mehrstufige „Produktionsstruktur“ mit nationalen Ligen und europäischen Superwettbewerben abschaffen und stattdessen auf eine geschlossene Europaliga setzen, löste sich das Problem von allein auf.

Für die Vereine hätte eine geschlossene Liga zudem den Vorteil, dass die finanziellen Unwägbarkeiten, die sich zwangsläufig mit der Qualifikation bzw. dem Verpassen der Europaliga und später durch das Ausscheiden während der K.-o.-Phase ergeben, Vergangenheit wären. Eine geschlossene Liga würde für die Klubs ein hohes Maß an wirtschaftlicher Planungssicherheit bedeuten.

Und schließlich gibt es noch ein Argument für die Europaliga, das insbesondere für Fußball-Ästheten wichtig ist: In einer geschlossenen Europaliga würde prinzipiell die höchste sportliche Qualität erreicht, denn in ihr würden die besten Spieler der Welt zum Einsatz kommen. Heute fehlen immer wieder Top-Spieler, weil ihre Klubs die Qualifikation für die Champions League verpassen.

Was gegen die Europaliga spricht

Es gibt aber auch eine Reihe von Gründen gegen eine geschlossene Europaliga. So zeigt die Erfahrung mit den amerikanischen Profisportligen, dass die nötige Spannung auch in einer geschlossenen Liga keine Selbstverständlichkeit ist. Vielmehr gibt es in den US-Ligen diverse regulierende Maßnahmen, mit deren Hilfe der Spannungsgrad künstlich erhöht werden soll.

Das europäische Sportmodell mit Auf- und Abstiegen sowie der Qualifikation für die internationalen Klubwettbewerbe hat sogar erhebliche Vorteile. Trotz allen Wehklagens über die sportliche Dominanz der nationalen Ligen durch Bayern München, Barcelona und andere Klubs sind die Ligen ansonsten äußerst spannend. Für fast jeden Verein geht es um irgendetwas – um die Qualifikation zur Champions- beziehungsweise zur Europa League oder aber um den Klassenerhalt. Auch nachdem der FC Bayern die Meisterschaft 2014/15 fünf Spieltage vor Saisonschluss für sich entschieden hat, gibt es praktisch keine bedeutungslosen Spiele, denn alle anderen Klubs kämpfen noch um ihre Saisonziele.

Gegen eine Europaliga spricht auch die sportliche Glaubwürdigkeit. Im gegenwärtigen System ist die Champions League das Ergebnis eines Wettbewerbs, der alle Ligen in Europa umfasst und der es – zumindest theoretisch – auch unterklassigen Mannschaften ermöglicht, durch jahrelange gute Arbeit irgendwann an der Königsklasse teilzunehmen. Dagegen wäre eine geschlossene Liga, die nach relativ willkürlichen Kriterien zusammengestellt würde und Außenseiterkonkurrenz vermeidet, sportlich wenig glaubwürdig.

Das vielleicht wichtigste Argument ist aber, dass eine geschlossene Liga gegen die Eigenarten der Fans, also der zahlenden Kundschaft, verstoßen würde. Das Interesse der Fans ist sehr stark vereinsgebunden, sie interessieren sich in erster Linie für ihren Klub und erst in zweiter Linie für die Gesamtveranstaltung. Andere Klubs sind oft nur deshalb von Bedeutung, weil sie Konkurrenten des eigenen Lieblingsvereins sind. Dadurch wird der Fußball letztlich zu dem, was gemeinhin als „große Fußballfamilie“ beschrieben wird.

Das hat durchaus weniger mit Romantik zu tun, als es die Wortwahl suggeriert. Vielmehr geht es um die nüchterne Erkenntnis, dass zum Beispiel die Champions League auch für all jene Fans interessant ist, deren Klubs sich gar nicht für den Wettbewerb qualifiziert haben. Nicht zuletzt die Tatsache, dass alle Champions League-Teilnehmer Konkurrenten des eigenen Lieblingsvereins sind und dieser prinzipiell im nächsten oder übernächsten Jahr auch dabei sein könnte, macht die Königsklasse für die Fans aller Teams interessanter.

Eine geschlossene Europaliga würde eine fußballerische Parallelwelt schaffen. Alle nationalen Ligen wären faktisch nur noch „zweite Liga“. Die nicht-teilnehmenden Klubs wären außen vor, ohne Perspektive, jemals in der Königsklasse mitmischen zu können. Die Fußballfamilie wäre gesprengt. Es besteht eine erhebliche Gefahr, dass ein solches Fußballprojekt scheitern würde, weil es die gewachsenen Strukturen, die Wünsche, ja die Eigenarten der Fußballfans außer Acht ließe.

Fazit

Mit dem gegenwärtigen Modell – bestehend aus nationalen Ligen und europäischen Wettbewerben – lässt sich das Zuschauerinteresse bestmöglich bedienen. Aus Vermarktungsperspektive ist dieses Modell einer geschlossenen Europaliga klar überlegen. Der europäische Klubfußball funktioniert viel zu gut, als dass man versuchen sollte, die vergleichsweise kleinen Probleme mit einem großen Systemwechsel zu lösen. Punktuelle Korrekturen und gezielte Regulierungen sind der viel bessere Weg.

Und die Sorge, der Zuschauer könnte sich mangels Spannung von der Liga abwenden, scheint ohnehin unbegründet: Der alte und neue Deutsche Meister Bayern München hat in der laufenden Spielzeit die fast makellose Heimbilanz von 13 Siegen in 15 Heimspielen bei 44:6 Toren – und trotz dieser sportlichen Übermacht war das das Stadion praktisch immer ausverkauft. Daran wird sich so schnell ganz sicher auch nichts ändern.