GastkommentarDie alte Energiewelt wehrt sich

Die deutsche Energiewende ist zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Je kräftiger sie wird, umso stärker wird die Gegenwehr. Wir befinden uns in einem erbitterten Krieg um die Macht am Energiemarkt, nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt – mit dramatischen Folgen. Denn um mächtig zu bleiben, sabotieren die Vertreter der alten Energiewelt das Gelingen der Energiewende und kämpfen untereinander um die fossilen Ressourcen.

Das ist mehr als ein Energie-Monopoly. Es ist brandgefährlich: Es drohen geopolitische Konflikte, Ölkrisen und nicht nur finanzielle Kriege um Energie. Die Kämpfe um den Machterhalt der alten Energiewelt bedrohen den Frieden. Das Gift der demagogischen Populisten wirkt. Immer weniger geht es um Fakten und Argumente, immer öfter um Lärm und um Krawall. Die fossilen und atomaren Lobbyisten setzen ihre Interessen erstaunlich erfolgreich durch.

Massive Umverteilungen von staatlichen Fördergeldern

Das neue Buch von Claudia Kemfert
Das neue Buch von Claudia Kemfert

Sigmar Gabriel, einst engagierter Vorreiter der Energiewende, ist im Lauf seiner Amtszeit als Bundeswirtschaftsminister zum Klassensprecher der fossilen Industrie geworden. Vor seinem Abschied aus dem Ministerium für Wirtschaft und Energie schindete er mit seinen Entscheidungen – wie den Abwrackprämien für alte Kohlekraftwerke – immer wieder wertvolle Zeit für die fossile Energiewirtschaft heraus.

Der „Welpenschutz“ für die erneuerbaren Energien sei nunmehr beendet, erklärte Gabriel 2016 seinen rückwärtsgewandten Kurs. Dabei geht es nicht um junge Hunde, sondern um die Basis unserer Volkswirtschaft. Es geht nicht um überflüssige Leckerlis, sondern um entscheidende Investitionen in die Wirtschaft von morgen. Was er mit der niedlichen Welpen-Metapher verschleiert, sind massive Umverteilungen von staatlichen Fördergeldern. Denn weniger Förderung für die Erneuerbaren und eine Verlangsamung des Kohleausstiegs bedeuten im Klartext: Kein Geld für die Zukunft und noch mehr Geld für die Vergangenheit.

Schon lange sind die erneuerbaren Energien keine „Welpen“ mehr. Im Gegenteil: Sie sind schneller als erwartet groß geworden. Im alten Energie-Mix galten sie als zu vernachlässigender Bestandteil. Jetzt sind sie eine ernst zu nehmende Größe auf einem hart umkämpften Markt. Sehr viel früher als erwartet stehen sie auf Augenhöhe mit den konventionellen Energien. Eine echte Konkurrenz.

Neue Kohlekraftwerke trotz weniger Investoren 

Seitdem absehbar ist, welche Rolle die erneuerbaren Energien auf dem Energiemarkt der Zukunft spielen, wehren sich die fossilen Konzerne mit allen Mitteln gegen die unausweichliche Vertreibung vom Energiemarkt. Immer aggressiver setzen sie ihre wirtschaftlichen Interessen durch. Um im Gabriel-Bild zu bleiben: Es bellt und tobt eine Horde in die Jahre gekommener Rottweiler, die ihre besten Tage hinter sich haben. Es passt ihnen überhaupt nicht, dass die jungen Hunde sich nicht mehr devot auf den Rücken werfen, sondern tatsächlich den Platz vor der Hütte und auf der Spielwiese beanspruchen. Wütend beißen die Alten die kräftigen Jungen weg. Es ist ein Kampf um gut gefüllte Fressnäpfe. Kläffend lenkt die Horde davon ab, dass nicht die zähnefletschenden alten, sondern die jungen Hunde die Zukunft sind.

Während sich die Menschen weltweit vor dem Klimawandel fürchten und Maßnahmen zum Klimaschutz befürworten, beißen die Rottweiler hinter den Kulissen unbemerkt die Welpen weg, verteidigen die alten Pfründe und nehmen Einfluss auf die alles entscheidenden Weichenstellungen für die nächsten Energiejahrzehnte. Kohleenergie wird subventioniert, neue Kohlekraftwerke werden gebaut, obwohl sie sich nicht mehr rechnen und immer mehr Investoren ihr Geld aus den fossilen Energien abziehen. Sogar der Bau neuer Atommeiler wird genehmigt, obwohl keine Bank der Welt mehr einen Kredit dafür gibt, ohne dass massive Subventionen gezahlt werden müssen.

Die Ablenkungsmanöver des fossilen Imperiums sind so geschickt, dass sie das eigentlich Offensichtliche verschleiern: Es geht nicht um den Klimaschutz, sondern um den Überlebenskampf der Wirtschaftswelt von gestern.


Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ihr neues Buch „Das fossile Imperium schlägt zurück – 
Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen“ erschien am 20. April 2017. (Foto: dpa)