KolumneEine Übergangslösung für Thyssenkrupp

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Das Erbe der Krupps, der Auftrag der Stiftung, der Willen des Übervaters Berthold Beitz, die hohen Synergien im Konzern, die Gefahr der Zerschlagung – was gab es in den letzten Jahren nicht alles an großen Argumenten für den Zusammenhalt von Thyssenkrupp. Nun gelten sie plötzlich alle nicht mehr. Der Ruhrkonzern will sich, wenn nicht noch in letzter Minute etwas dazwischenkommt, in zwei Teile spalten. Allein die Debatte darüber kann man schon als Fortschritt werten: Wir erleben in Essen den Einzug einer neuen Sachlichkeit. Man lügt sich nicht mehr in die Tasche. Und das kann man nur begrüßen.

Allerdings schmeckt das, was Interimschef Guido Kerkhoff vorlegt, ziemlich nach einem krummen Kompromiss zwischen den widerstreitenden Großaktionären des Konzerns. Auf den ersten Blick scheint alles einigermaßen logisch: Zwei große Unternehmen mit annähernd gleichem Umsatz von 16 bis 18 Mrd. Euro sollen entstehen, beide stark und groß genug, um eigenständig zu überleben. Und doch gibt es viele Fragezeichen. So soll sich die neue Thyssenkrupp Materials AG vor allem auf die bereits beschlossene 50-Prozent-Beteiligung an dem Stahl-Joint-Venture mit dem indischen Tata-Konzern stützen. Dazu kommen der Handelsbereich und die Marinewerften – die beide eigentlich auf der Verkaufsliste stehen. Und wollte sich Thyssenkrupp nicht langfristig auch ganz aus dem Stahl zurückziehen – zum Beispiel durch einen späteren Börsengang? Da zwischen den drei Säulen kaum Gemeinsamkeiten bestehen, ähnelt das Ganze wiederum einem Konglomerat – allerdings einem kleineren als bisher. Die hohe Komplexität der Organisation bleibt.

Das Prinzip Hoffnung

Das Gleiche gilt für die Thyssenkrupp Industrials AG, die künftig so diverse Dinge wie Aufzüge, Autoteile und Großanlagen unter einem Dach vereinigt. Synergien? Keine. Industrielle Logik? Eher fragwürdig. Noch vor kurzem redeten sich Vorstände in Essen den Mund fusselig, angebliche Synergien zwischen der Fertigung von Autoteilen und der Produktion neuer Verbundstoffe im Stahlbereich herbei zu argumentieren. Jetzt tummeln sich die angeblich so nah verwandten Bereiche in getrennten Unternehmen. Es wird schwer, dass Ganze glaubwürdig zu vermitteln. All das riecht nach Übergangslösung, bis man den profitablen (aber im Vergleich zur Konkurrenz trotzdem lahmen) Bereich Aufzüge ganz verselbständigt oder mit einem Wettbewerber fusioniert.

Für die jetzige Lösung sprechen offenbar vor allem finanzielle Gründe – vor allem ein besserer Zugang zum Kapitalmarkt. Deshalb reagierte die Börse auch ziemlich euphorisch. Am Donnerstag schoss der Kurs von Thyssenkrupp um fast zehn Prozent in die Höhe. Aber auch das muss man mit Vorsicht genießen: Die Aktie dümpelt seit langem auf niedrigem Niveau dahin. Gute Nachrichten gab es in den letzten Monaten keine. Immer noch sucht der Konzern nach einem Aufsichtsrats- und einem Vorstandschef. Die Anleger honorieren daher offenbar die Tatsache, dass sich überhaupt etwas bewegt bei Thyssenkrupp. Man könnte es den Galileo-Galilei-Effekt nennen – oder frei nach dem deutschen Philosophen Ernst Bloch: das Prinzip Hoffnung.