KurseinbruchEine Korrektur, aber noch kein Trend

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Hinzu kommt, dass die Wirtschaftsdaten nicht nur in den USA überraschend stark ausgefallen sind. Der Einkaufsmanagerindex für die Eurozone hat im Januar seinen höchsten Wert seit Juni 200g erreicht, und Chinas Wachstum hat sich 2017 verstetigt. Mit anderen Worten: Die drei größten Volkswirtschaften der Erde stehen unter Dampf. Womit die lange vor sich hin dümpelnde Inflation allmählich anziehen könnte.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erhöhte seine globale Wachstumsprognose für 2018 im Januar auf 3,9 Prozent und berief sich dabei auf den „größten gleichzeitigen weltweiten Aufschwung seit 2010“. Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die angesichts neuerer Zahlen sogar von noch rascherem Wachstum ausgehen. Nach Angaben von Gavyn Davies, Chef von Fulcrum Asset Management, deuten seine Daten sogar ein erwartetes Wachstum von 4,5 Prozent an, wobei die Industriestaaten weit über den liegen, was noch nachhaltig wäre.

Wenn das stimmt, dann wäre der erwartete Anstieg der Inflation in den USA nur ein Vorbote dessen, was bei einem Rückgang der Arbeitslosigkeit auch in anderen Volkswirtschaften bevorsteht. Die Notenbanken, die ohnehin 2018 schon weniger Geld drucken wollten, würden geldpolitisch die Zügel anziehen, und die Zinsen an den Märkten würden steigen. Und die Kurse von Anleihen und Aktien würden unter Druck geraten. Der positive Ausblick für die Realwirtschaft hätte also eine trübe Aussicht für die Finanzmärkte zur Folge.

Man kann die Lage aber auch ganz anders sehen. Wenn sich die Aussichten für die Weltwirtschaft so rasch verbessern, dass sie die Erwartung höherer Zinsen noch übertreffen, dann gäbe es immer noch einen guten Grund für hohe Aktienkurse.

Es ist auch sehr zweifelhaft, ob sich die grundlegenden Daten für die Wirtschaft und vor allem die Inflation tatsächlich so stark geändert haben wie manche behaupten. In der Eurozone liegt die Arbeitslosigkeit immer noch bei 8,7 Prozent. Massive Lohnsteigerungen oder inflationärer Druck sind also nicht zwangsläufig zu erwarten. Nach einem kurzen Ausflug in Richtung zwei Prozent im Frühjahr 2017 ist die Inflation in der Eurozone im Januar wieder auf 1,3 Prozent zurückgefallen. Sollte die Europäische Zentralbank also den Fuß vom Gas nehmen, kann sie das sehr behutsam tun.

Sogar in den USA werden die Lage am Arbeitsmarkt und für die Geldpolitik sehr unterschiedlich interpretiert. Harm Bandholz, Chefvolkswirt der UniCredit, weist darauf hin, dass der Anstieg der Stundenlöhne auch darin begründet liegt, dass die Anzahl der pro Woche geleisteten Arbeitsstunden „ungewöhnlich stark“ gesunken sei. „Der Lohnanstieg wird sich allmählich beschleunigen, da die Flaute am Arbeitsmarkt abklingt“, sagt Bandholz. „Aber es ist gut möglich, dass die heutigen Jobzahlen noch einmal korrigiert werden, bevor sich der Aufwärtstrend fortsetzt.“

Kaum jemand geht davon aus, dass sich das Wachstumspotenzial in den Industriestaaten so stark verbessert hat, dass es einen nachhaltigen Anstieg der Produktivität und damit auch höhere langfristige Zinsen nach sich ziehen würde. Der größte Teil des Zinsanstiegs hat sich bisher im kurzfristigen Bereich abgespielt. Das zeigt, dass die Leitzinsen stärker steigen als zuvor erwartet, aber kaum jemand von einem höheren Grundniveau für die längere Frist ausgeht.

Die Furcht vor einer Rückkehr der Inflation ist bisher unbegründet. „Der jüngste globale Aufschwung ist ein zyklisches Nachfrage-Phänomen“, sagt Fulcrum-Chef Davies. „Die Auswirkungen für das längerfristige Wachstum sind bisher eher begrenzt.“ Bei den Marktbewegungen handelt es sich also vermutlich um eine spontane Korrektur.

Bleibt die Möglichkeit, dass sich die Anzeichen für eine steigende US-Inflation mehren und auf andere Arbeitsmärkte wie den Deutschlands oder Japans übergreifen. Dann wird die Furcht vor sinkenden Aktienkursen in den kommenden Monaten zunehmen.

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