KolumneEin digitaler Pass für alles

Finleap-Gründer Ramin Niroumand
Finleap-Gründer Ramin NiroumandPR

Erinnern Sie sich noch, als vor ein paar Monaten viele Twitter-Nutzer europäische Pässe posteten? Von Satiriker Jan Böhmermann, Außenminister Heiko Maas bis hin zu SPD-Frontfrau Katharina Barley stellte jeder plötzlich einen europäischen Fake-Ausweis ins Netz. Was als PR-Kampagne einer österreichischen Band begann, wurde plötzlich zu einer „Wir-lieben-Europa“-Bewegung. Das ist das Schöne. Das Traurige daran: Von einem wirklichen digitalen EU Pass sind wir noch weit entfernt.

Am 26. Mai war Europawahl. Viele Dinge haben dabei eine Rolle gespielt, eines stand auf keinem Wahlplakat: Eine europäische, digitale ID. Dabei ist das, meiner Meinung nach, entscheidend um ein starkes Europa zu schaffen.

In unserem Alltag erzeugen wir täglich digitale Identitäten, ob beim Kauf von Apps, der Registrierung bei Facebook & Co. oder beim Online-Shopping. Wir verteilen unsere Daten an unzählige Plattformen, trampeln mit digitalen Sieben-Meilen-Stiefeln durchs Netz und haben am Ende keine Ahnung mehr, bei welchen Firmen wir Accounts besitzen. Das ist nicht nur unpraktisch, sondern auch gefährlich.

Vorbild Estland

Eine europäische eID würde in vielen Bereichen von Vorteil sein. Estland macht es mit seinem digitalen Personalausweis bereits vor. Im Gesundheitsbereich wird der Perso zur digitalen Krankenversicherungskarte, inklusive digitalem Organspendeausweis. Jeder Bürger kann nachvollziehen, welche Ärzte Zugriff auf seine Krankenakten hatten. Ein Arzt, der Daten ungerechtfertigt weitergibt, verliert seine Zulassung.

Im Bereich der Verwaltung wird die eID für die Steuererklärung, zum Gründen eines Unternehmens oder zur Wahl benutzt; alles Vorgänge, die in Deutschland viel Zeit und – wie bei der Firmengründung mit einem Notar – Geld kosten. Das ist insbesondere ein Magnet für Firmen, auch aus Deutschland. Ausländer können deshalb eine E-Residency beantragen, um Geschäfte tätigen zu können. Allein innerhalb der ersten 24 Stunden bewarben sich 4000 Menschen auf die elektronische Staatsbürgerschaft.

Im Bereich der Sicherheit kann ein estnischer Bürger jederzeit sehen, wer auf seine Daten Zugriff hatte – und muss im Falle von Diebstahl seiner ID nur ein Konto sperren, um alle Accounts zu schützen. Umgekehrt sperrt der Staat auch Persos, wenn es Fälle von Missbrauch gibt. Esten müssen sich außerdem mit einer Zwei-Phasen-Authentifizierung anmelden und erhalten beim Einloggen eine Benachrichtigung.

Wenig Erfahrung im Umgang mit digitalen IDs

Die eID wird in Estland auch zur Eröffnung von Bankkonten genutzt. Auch die EU Kommission beschäftigte sich in einem Report mit dem Einsatz der eID im Bankensektor. Fazit: Bei 9100 Filialschließungen europaweit allein im Jahr 2016 ist es klar, dass Banken auf das Online-Geschäft setzen und deshalb auch eine sichere Identifizierung der Kunden benötigen. Die Vorteile für die Banken beim Einsatz einer europäischen ID: mehr Sicherheit, weil Daten von einer staatlichen Stelle bestätigt werden, größere Genauigkeit, weil kein manueller Abgleich mehr stattfinden muss, weniger Zeit und Kosten beim Onboarding Prozess und die Möglichkeit, seinen Kundenstamm auszubauen, weil das europaweite ID System es einfach machen würde, auch ausländische Kunden anzunehmen.

Gegen die eID spricht, laut Kommission, vor allem das Nutzerverhalten: viele Länder hätten wenig Erfahrung im Umgang mit digitalen IDs. Kein Wunder, wird man in Deutschland auf dem Bürgeramt meist im Flüsterton gewarnt, dass es auch „gefährlich“ sei, die Online-Funktion des Persos zu aktivieren, weil man ja nicht wisse, was damit alles passieren kann. Noch Mitte letzten Jahres besaßen zwar 45 Millionen Deutsche einen internetfähigen Personalausweis, aber nur ein Drittel ließ die Online-Funktion überhaupt aktivieren.

Ironischerweise stellte die Bundesdruckerei bereits 2007 einen eID Prototypen auf der Messe Cebit vor, mit der EU-Bürger auch ihre Wohnung ummelden und sich ihr Rentenkonto anzeigen lassen können. Das war – wohlgemerkt – 2007. Jetzt, über zehn Jahre später, gibt es immer noch nichts, außer einer Verordnung, die besagt, dass die EU-Staaten untereinander ihre digitalen ID-Modelle grenzüberschreitend anerkennen müssen.

Universeller Einsatz für echten Mehrwert

In der Privatwirtschaft funktionieren digitale IDs bereits, siehe Google. Deutsche Konzerne reagierten daraufhin mit Diensten wie „Verimi“ (Deutsche Bank, Allianz, Axel Springer), „Yes“ (Sparkassen, Volksbanken und Raiffeisenbanken) oder „NetID“ (RTL, Pro Sieben Sat 1, United Internet). Doch mit vielen verschiedenen Single-Sign-On-Diensten geht am Ende der übergreifenden Lösungsansatz verloren. Meiner Meinung nach sollte das Thema ID beim Staat liegen, um sie über alle Grenzen hinweg, in allen Diensten, nach gleichen Standards nutzen zu können. Natürlich kann der Staat dafür auch Kooperationen mit privaten Anbietern eingehen, Hauptsache am Ende wird ein universeller Einsatz erreicht, der einen echten, gesellschaftlichen Mehrwert bringt.

Das ist mein Traum. Hat er sich jetzt, nach der Wahl, erfüllt? Nein. Aber es lohnt sich, den Weg weiterzugehen. Damit ich wieder die Kontrolle über meine digitale Identität bekomme.