ReportageE-Sport: Click it like Beckham

Team Astralis bei der Sieger­ehrung, soeben sind die fünf  „Counter-Strike“-Spieler in ­Kattowitz Weltmeister geworden. In der Mitte mit Bart: ihr Trainer
Team Astralis bei der Sieger­ehrung, soeben sind die fünf „Counter-Strike“-Spieler in ­Kattowitz Weltmeister geworden. In der Mitte mit Bart: ihr Trainer – Foto: Helena Kristiansson/ESL

Ganz am Ende, nach fünf langen Turniertagen und einem Finale, das nun vier Stunden dauert, versteckt sich NiKo hinter den Schwaden einer Rauchgranate. Sie liegen 15:13 zurück. NiKo ist der einzige Überlebende seines Teams.

Durch die Spodek-Arena hallen raue NiKo-Rufe. 8000 Fans schauen live das Finale der „Counter-Strike“-Weltmeisterschaft im polnischen Kattowitz. Auf der Bühne, vor Computern, sitzen sich zwei Teams mit je fünf jungen Männern gegenüber – auf den beiden großen Leinwänden schleichen sie als Spezialeinheiten und Terroristen schwer bewaffnet durch die Gassen eines Dörfchens.

Die meisten Fans hier unterstützen NiKos Team FaZe und ganz besonders NiKo selbst: den 20 Jahre alten Bosnier, der erst vor wenigen Tagen zu FaZe gewechselt ist, für angeblich eine halbe Million Dollar Ablöse. NiKo wäre damit der teuerste „Counter-Strike“-Spieler der Welt. In jedem Fall ist er einer der besten.

Doch das gegnerische Team Astralis aus Dänemark muss nur noch diese eine Runde gewinnen. 16:13 – und die Dänen dürften den Weltmeisterpokal mitnehmen und 250.000 Dollar Preisgeld. Die drei überlebenden Astralis-Spieler machen sich auf die Suche nach NiKo.

In der ersten Reihe vor der Bühne knetet der 30 Jahre alte Tomek ein FaZe-T-Shirt zu einer schweißnassen Wurst. Er wollte das rote Trikot eigentlich als Fahne einsetzen, weil sein FaZe-Kapuzenpullover offenbar nicht deutlich genug macht, welches Team er unterstützt. Aber wie er in der letzten halben Stunde das T-Shirt, zu einem Tau verdreht, durch seine Finger gleiten lässt, erinnert es mehr und mehr an eine Gebetskette. Weil Tomek dabei mit dem Oberkörper wippt und eine Glatze hat, sieht er ein bisschen aus wie ein Mönch im Gebet.

In „Counter-Strike“ kämpfen Spezialeinheiten gegen Terroristen. Ziel der Terroristen ist es, eine Bombe zu zünden; die Spezialeinheiten müssen das verhindern, indem sie den Sprengsatz entschärfen oder alle Terroristen erledigen. Die Bildschirme seitlich der Bühne zeigen, wie NiKo eine Bombe deponiert. 40 Sekunden bis zur Explosion. 40 Sekunden, die NiKo noch überstehen muss.

Beliebt wie Mario Gomez

Es ist nur ein Computerspiel, in dem FaZe und Astralis an diesem Märzsonntag um den WM-Titel kämpfen. Aber schon das „nur“ in diesem Satz ist falsch. Elektronischer Sport, oder E-Sport, ist in den vergangenen Jahren zu einem Massenphänomen geworden – und zu einem Milliardenmarkt. 256 Millionen Menschen schauten 2016 anderen gelegentlich oder regelmäßig beim Computerspielen zu, hat das Marktforschungsinstitut Newzoo ermittelt; 2019 sollen es 345 Millionen sein. Das Spielen am Computer, an Konsolen und auf dem Smartphone ist für viele Jugendliche ein so selbstverständlicher Teil ihres Aufwachsens geworden wie Youtube, Hip-Hop und Clearasil-Produkte.

Dem „Counter-Strike“-Profi NiKo folgen so viele Menschen auf Twitter wie Mario Gomez, er hat im vergangenen Jahr Preisgelder in Höhe von 60.000 Dollar gewonnen, und mit den Einnahmen aus Sponsorenverträgen und dem Gehalt seines Teams dürfte NiKo mehr verdient haben als ein durchschnittlicher Fußballer in der Zweiten Bundesliga. Von „E-Sport“ aber hat kaum jemand außerhalb der Gamingszene jemals gehört. Geschweige denn von NiKo.

Der brasilianische „Counter-Strike“-Spieler FNX (mit ­tätowiertem Ellbogen) trifft Fans bei der WM in Kattowitz
Der brasilianische „Counter-Strike“-Spieler FNX (mit ­tätowiertem Ellbogen) trifft Fans bei der WM in Kattowitz – Foto: Patrick Strack/ESL

E-Sport bedeutet: professionelles Spielen, meistens am Computer, manchmal auf Konsolen. 1,3 Milliarden Menschen spielen laut der Newzoo-Studie Computer. 1,3 Milliarden! Und ein E-Sportler wie NiKo verhält sich zu einem durchschnittlichen Computerspieler wie Lionel Messi zum Kreisligastürmer.

Wobei der Vergleich mit Fußball nur zum Teil stimmt. Fußball ist eine Sportart – E-Sport aber bietet extrem viele Disziplinen. Am beliebtesten sind der oft kritisierte Ego-Shooter „Counter-Strike“, das Echtzeitstrategiespiel „Dota“ und „League of Legends“, das sich wohl am ehesten als psychedelisches Blitzschach beschreiben lässt. Richtig ist also ein viel größerer Vergleich: Es gibt elektronischen Sport – und Sport. Vor Letzteren setzen E-Sportler gern das Adjektiv „traditionell“.

Wie aber konnte ein einst wunderliches Hobby wie Computerspielen binnen weniger Jahre ein Millionenpublikum gewinnen? Wenn E-Sport heute ganz am Anfang steht, was wird er dann in zehn Jahren sein? Eine Unterhaltungsindustrie so groß wie Fußball? Größer?

Wer in Deutschland nach Antworten auf diese Fragen sucht, stößt als Erstes auf Ralf Reichert. Danach vielleicht auf seinen jüngeren Bruder Tim. Und dann, wenn man sehr weit zurückgeht im Archiv und schaut, womit E-Sport in Deutschland eigentlich begonnen hat, findet man irgendwann auch den jüngsten der drei Brüder, Benjamin.

Die Erfolgsgeschichte von E-Sport ist auch die Geschichte dieser drei. Die aus der traditionellsten Sportwelt überhaupt kommen – dem Fußball – und alle auf ihre Weise dazu beigetragen haben, dass elektronischer Sport in und aus Deutschland erfolgreich wird. Ralf, der Firmengründer. Tim, der Manager. Und Benjamin, der als Spieler einer der ersten Stars des deutschen E-Sports hätte werden können, aber sich dagegen entschieden hat.