KolumneDraghi muss Allianzen schmieden


Melvyn Krauss ist emeretierter Professor für Volkswirtschaft an der  New York UniversityMelvyn Krauss ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der New York University. Er schreibt für Capital in unregelmäßigen Abständen über Geldpolitik und die EZB


Mario Draghi steckt in einer Zwickmühle. Einerseits will der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) unbedingt verhindern, dass sein Institut in einen verdeckten Währungskrieg hineingezogen wird. Das wurde bei der EZB-Sitzung im März deutlich, als er den Einlagen-Zinssatz lediglich um zehn Basispunkte kürzte und weitere Zinssenkungen auf Eis legte. Und das obwohl die Eurozone ein ernstes Problem mit einer zu niedrigen Inflationsrate hat. Die Aktionen eines „Währungskriegers“ sehen anders aus.

Auf der anderen Seite bewegt sich Draghi in einer Welt, in der es äußerst riskant ist nichts zu tun, wenn andere sich daneben benehmen. Als die EZB sich als einzige der großen Notenbanken nicht an der Strategie der quantitativen Lockerung (QE), also des Ankaufs von Anleihen, beteiligte, schoss der Kurs des Euro auf 1,40 Dollar – womit die Währung grotesk überbewertet war. Draghi musste dem Druck schließlich nachgeben und ein eigenes europäisches QE-Programm auflegen.

Das derzeitige System fördert eine Tendenz zum Tit-for-Tat – also einer Politik, bei der jede Handlung des anderen mit einem gleichwertigen Schritt beantwortet wird.

Getarnte Eingriffe

Der Währungskrieg, mit dem wir es zu tun haben, ist ein „verdeckter“, weil jene, die ihn führen, nicht mit offenen Interventionen an den internationalen Märkten operieren. Stattdessen tarnen sie ihre Eingriffe als interne Maßnahmen, mit denen ausschließlich innenpolitische Ziele verfolgt werden.

Eine Senkung des Einlagenzinssatzes zum Beispiel wirkt nicht explizit protektionistisch, wie dies Zölle tun. Aber sie hat eine Bedeutung für den Wechselkurs.

Verdeckte Eingriffe sind attraktiv für Notenbanker, weil sie vor direkter Kritik schützen: Scheinbar hält sich die jeweilige Zentralbank an die Regeln. In Wahrheit allerdings befindet sie sich längst im Abwertungswettbewerb.

Ein weiterer Vorteil aus Sicht der Akteure: Währende offene Währungsinterventionen eine Sache der Regierungen sind, können die Zentralbanken verdeckte Operationen selbst vornehmen. Ein Umstand, der den Anreiz solcher Aktionen fatalerweise noch erhöht.

Es hat etwas Verrücktes, dass Volkswirtschaften massiven Störungen ausgesetzt werden, nur weil ein paar Beamte ihre wahren Absichten verschleiern wollen – die auf eine klassische Beggar-my-Neighbor-Politik hinauslaufen. Ein negativer Einlagenzins, quantitative Lockerung und andere Tricks sind ein stärkerer Störfaktor für die Finanzmärkte als offene Wechselkurs-Interventionen. In der japanischen Notenbank wird jetzt schon darüber nachgedacht, demnächst Unternehmensbeteiligungen und Rohstoffe aufzukaufen, um den Yen nach unten zu drücken. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf?

„Einseitige Abrüstung“ ist keine Option

Verdeckte Interventionen sind ein sehr gefährliches Mittel. Sie finden im Verborgenen statt und sind schwer zu durchschauen, weswegen sie sich hervorragend für sehr weitreichende Währungsmanipulationen eignen. Für eine Bank, die sich durch Abwertung Wettbewerbsvorteile verschaffen will, wirken sie wie eine sehr angenehme Option: Sie kann es allein machen, bleibt im Hintergrund und braucht anders als bei offenen Eingriffen keinen Partner. Alles Gründe, die dazu führen, dass diese Aktivitäten sich immer mehr ausbreiten.

Das Problem aber ist: Die Sache funktioniert nicht. Die Wettbewerbsvorteile, die sich die Protektionisten erhoffen, werden nicht erreicht. Dagegen stehen hohe Kosten, weil die wirtschaftlichen Abläufe gestört und Ressourcen in falsche Kanäle gelenkt werden.

Ich bin überzeugt, dass Draghi das sieht und versteht. Doch allein kann er wenig dagegen tun. Es ist gefährlich, der einzige zu sein, der sich an dem verdeckten Spiel nicht beteiligt. Als der EZB-Chef im März künftigen Zinssenkungen eine Absage erteilte, schoss der Euro im Gegenzug in die Höhe. Draghi muss die anderen mitnehmen und sie zu einem sorgfältig geplanten Abbau der verdeckten Interventionen bewegen. „Einseitige Abrüstung“ ist keine Option, weder im Währungskrieg noch anderswo.

Je eher die Notenbanker verstehen, dass ihr Traum von einfachen Wettbewerbsgewinnen durch Abwertung keine reale Grundlage hat, desto eher werden sie damit aufhören. Und das wäre ein Segen für alle.