KolumneDo good! Der altruistische Imperativ

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Der altruistische Imperativ

Nachdem der „kreative Imperativ“ die Arbeitswelt bereits vor langer Zeit durchdrungen hat, ist es nun der „altruistische Imperativ“, dem niemand entkommen kann: Do good! Und die Frage an jeden von uns lautet: What’s your Purpose?! Damals wurde kritisiert, dass Kreativität – eigentlich eine Domäne der Kunst – zum Spielball neoliberaler Marktwirtschaft mutierte. Es wurde zum Dogma unserer Zeit, dass jeder Mensch kreativ zu sein habe und die Idee vom kreativen Menschen wurde im Sinne der Ökonomie instrumentalisiert: wer kreativ ist, leistet mehr, ist innovativer und produktiver.

Hier lässt sich nun eine Parallele erkennen, zwischen der Ökonomisierung von Kreativität und der Ökonomisierung des Wunsches, die Welt zu verbessern. Der Kreativitäts-Imperativ war ambivalent, hat er doch die ursprünglich oppositionellen Wertorientierungen von Kunst und Ökonomie genial in sich vereint – ebenso wie nun der altruistische Imperativ die eigentlich oppositionellen Wertorientierungen von Ökonomie und Altruismus in sich vereint.

Der Wunsch, einen sinnvollen Beitrag für die Welt zu leisten und sich einem höheren Zweck zu verschreiben, wird durchökonomisiert und in Zeiten pausenloser Selbstoptimierung und -darstellung findet dieser Prozess nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Privaten statt, wobei das Private hier maximal öffentlich wird – befeuert durch den Wunsch, in den sozialen Medien ein selbstoptimiertes Ich zu präsentieren, das nicht nur attraktiv und erfolgreich ist, sondern sich auch noch für die gute Sache einsetzt.

Das Ende der Selbstverwirklichung?

Das Konzept der Selbstverwirklichung, das die bestmögliche Entfaltung des Individuums als höchstes Ziel ansieht, scheint nun überholt zu sein – ist es doch aus heutiger Sicht zu Ego-getrieben – und an dessen Stelle scheint nun ein anderes Konzept getreten zu sein: das Konzept der Selbsttranszendenz und damit das Bedürfnis der Menschen, ihre Werte mit anderen zu teilen.
 Sich gemeinsam übergeordneten Zielen zu widmen, die über das eigene Ich hinausweisen und nachhaltiger sind. Man möchte Teil einer Bewegung sein, die nachhaltig Gutes schafft. Und so kauft man nicht mehr nur, was man braucht oder gerne mag, sondern was die Haltung ausdrückt, die man gerne von sich kommunizieren möchte. Die Selbstinszenierung in den sozialen Medien als jemand, der Gutes tut, wird dabei noch wichtiger als die Selbstinszenierung als jemand, der erfolgreich ist.

Natürlich wird Gutes tun immer gut sein – und das ist auch gut so. Aber es schadet nicht, genauer hinzusehen, unter welchen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen altruistisches Handeln heute und in Zukunft stattfindet. Gutes Tun wird in zehn Jahren etwas ganz anderes sein als noch vor zehn Jahren, durch veränderte Kontexte, gesellschaftliche Bewertungsmaßstäbe und nicht zuletzt durch ein verändertes Framing in der medialen Vermittlung und Wahrnehmung.