ReportageDigitalisierung - von Otto bis zur Bahn

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Google bringt keinen Kaffee

Als die Reisegruppe der Bahn aus Kalifornien zurückkam, stand fest, dass etwas geschehen musste. „Uns war klar: Es gibt ein paar Dinge, wenn wir die ignorieren, dann haben wir ein Problem“, sagt Djazirian. Und dann ging es schnell, vor allem nach den Maßstäben eines Großkonzerns wie der Bahn. Schon drei Monate später wurde im Frankfurter Rotlichtviertel das d.lab eingerichtet. Djazirian fuhr mit ein paar Leuten zu Ikea, kaufte 50 Tische und 100 Stühle, und eine Truppe von 80 Leuten richtete sich neu ein. Jetzt riecht es immer noch ein bisschen nach Teppichkleber, aber es gibt schon so etwas wie eine eigene Atmosphäre.

In den Räumen stehen alte Zugsitze, an der Wand hängen bunte Grafiken, und an den Tischen sitzen zwischen klassischen Bahnern Programmierer und Designer in Turnschuhen. Es sieht nach allem Möglichen aus, nur nicht nach Deutscher Bahn. Wie lange das Ganze laufen soll und was dabei herauskommt, kann noch keiner sagen. Aber das Unternehmen hat damit begonnen, sich auf die neuen Spielregeln einzulassen – und ein bisschen mitzuspielen.

D.Lab Deutsche Bahn
„Stay hungry, stay foolish“ – der berühmte Satz von Steve Jobs schmückt auch das Digital-Labor der Bahn, allerdings als Fragment (Foto: Ramon Haindl)

Jetzt wird neben vielen Apps auch über Bahnfenster nachgedacht, die dem Reisenden digitale Informationen bieten könnten über das, was er draußen sieht. Und natürlich hat auch die Bahn den Anspruch, dem Reisenden ein möglichst vollständiges Angebot von Tür zu Tür zu machen. Die Hoffnung: Wer die Züge betreibt, ist am Ende doch näher am Kunden dran als ein Datensammler auf einem anderen Kontinent. „Weder die Bahn noch sonst ein Transportunternehmen kommt aktuell an Google auf digitaler Ebene heran. Dazu fehlt uns derzeit bestimmtes Know-how und auch schlicht das Geld“, sagt Djazirian. „Aber Google kann am Ende eben nicht dem Kunden persönlich einen Kaffee an den Platz bringen oder einer älteren Dame beim Einsteigen helfen.“

Peter Thiel würde vermutlich bezweifeln, dass Google irgendetwas nicht kann. Der Mann, der im vergangenen Jahr mit seinem Buch „Zero to One“ für Aufsehen sorgte, ist all das, was man in Konzernen gerne sein möchte: schnell, visionär, bissig. Gebürtiger Deutscher, aber ein Kind des Silicon Valley, Mitgründer von Paypal und einer der ersten Investoren bei Facebook. Und er spürt, was den Reformern in den Chefetagen so viel Kopfzerbrechen bereitet: „Es ist immer leicht zu sagen: Macht alles anders“, sagte er bei einer Rede in Berlin. „Doch es ist sehr schwer, das zu tun.“

Digitalisierung Internet
Quelle: Infront/Capital

Die meisten haben verstanden, dass etwas passiert, auch mit der eigenen Branche. Der gehässige Vorwurf der Start-up-Bengel, die Altvorderen hätten den digitalen Wandel verschlafen, ist mehr Eigenwerbung als Wahrheit. Doch die Reaktion auf das, was sich verändert, fällt oft schwer. Auf die Frage, was ihnen fehle, um die Veränderung zu nutzen, antwortete mehr als die Hälfte der von Capital und Infront Befragten, es sei nicht klar, „welche Digitalisierungstrends für das eigene Unternehmen wichtig sind“. Im Maschinenbau sahen sogar drei Viertel darin ein Problem. „Wer es sich leisten kann, der versucht einfach, unterschiedliche Geschäftsmodelle zu testen“, sagt Deburba. „Ob er dabei das richtige trifft, wird sich erst in ein paar Jahren erweisen.“

Es ist ja nicht so, dass nichts geschieht in der deutschen Industrie: Daimler und BMW bieten längst Carsharing an. ThyssenKrupp liefert Fahrstühle, die E-Mails ans Wartungsteam schicken, wenn Verschleißsignale auftreten. Siemens betreibt in Amberg eine vollautomatische Fabrik, in der Bauteile und Maschinen kommunizieren. Vodafone-Digitalchef Sillober bescheinigt den Unternehmen des Landes ein „riesiges Potenzial“ in diesem Wandel. „Das ist ein Markt, der nur durch unsere Vorstellungskraft begrenzt ist.“

Die Frage ist, was dieser Umbruch für eine Volkswirtschaft bedeutet, die gewohnt ist, mit präziser Facharbeit die Welt zu beeindrucken. Produktion und Wartung optimieren, Technik verfeinern, das konnten deutsche Firmen schon immer. Jetzt geht es darum, das Produkt selbst infrage zu stellen und neue Geschäftsmodelle zu etablieren.

Datensammelmaschinen

Digitalisierung Internet
Quelle: Infront/Capital

Eine Bühne in Berlin, dieser Stadt, die zwar keine Industrie mehr hat, aber es irgendwie doch geschafft hat, zu einem Zentrum des digitalen Wandels zu werden. Es wird über das Auto der Zukunft diskutiert, und der Schauplatz ist passenderweise die Auferstehungskirche im Ortsteil Friedrichshain. Ralf Lamberti, der bei Daimler für das „vernetzte Auto“ zuständig ist, zeigt, was die S-Klasse, das Spitzenmodell von Mercedes, schon alles kann. Stereokameras mit 500 Meter Reichweite, Radar, Ultraschallsensoren, Infrarotkameras für Nachtsicht. Die Ausstattung dieses Autos klingt nach moderner Kriegsführung. „Natürlich ist das alles Vorbereitung für das autonome Fahren“, sagt Lamberti. „Das ist nur eine Frage der Zeit. Die Technik ist da.“

Doch das selbst fahrende Auto ist vor allem eins: eine Datensammelmaschine. Und wo Daten gesammelt werden, da ist Kalifornien nicht weit. Wenige Tage nach Lambertis Auftritt verdichten sich die Gerüchte, dass Apple an einem eigenen Auto tüftelt. Daimler-Chef Zetsche lächelt das mit einer flotten Bemerkung weg, aber in der Branche lässt es keinen kalt, dass die Design-Könige aus Cupertino jetzt reihenweise Autoleute einstellen. Darunter auch: Johann Jungwirth, der zuvor Entwicklungschef für Mercedes-Benz in den USA war und eigentlich ein Kind der Stuttgarter ist. Der Kampf um die Talente läuft, und die Frage ist, ob die deutschen Unternehmen dabei die besten Argumente haben.