MittelstandWie ein Mittelständler Digitalisierung und Nachfolge verknüpft

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Mit­arbeiter beim Meeting in einer der Digital-Einheiten von Viessmann in Berlin
Mit­arbeiter beim Meeting in einer der Digital-Einheiten von Viessmann in Berlin

Der Aufbruch aber beginnt für ihn damals in: Berlin. Max, studierter Wirtschaftsingenieur und bis dahin Berater bei BCG, stellt ein Team in der Hauptstadt zusammen, gründet mehrere digitale Einheiten. Einmal Wattx, einen sogenannten company builder, der Start-ups aufbaut. Daneben gibt es zwei Venture-Capital-Fonds, davon einen in München. Alles ist unter dem Dach der neuen Einheit VC/O gebündelt. „Es gab damals keinen Fonds in Europa, der rein in Deep-Tech-Companys investiert hat“, sagt Max. Also Start-ups, die Technologien wie künstliche Intelligenz oder Blockchain quer zu allen Branchen entwickeln. „Wir haben gesagt: Wir beißen in den sauren Apfel und bauen das von null auf.“ Allein 2017 rekrutiert Viessmann über 100 Leute in dem neuen Bereich.

Es ist kein makelloser Siegeszug, es fehlt auch noch der große Wurf – und wird doch ein Erfolg. Denn nach zwei Jahren hat sich Viessmann einen Namen in Berlin gemacht. „Es ist beeindruckend, was Viessmann hier hochgezogen hat“, sagt der Leiter des Innovationslabors eines Dax-Konzerns. Eine Studie der Digitalisierungsberatung Infront nennt Wattx als Vorbild. Auch Max ist stadtbekannt, auf Start-up-Veranstaltungen taucht er auf und begrüßt andere Gründer mit Umarmung.

Für sein Alter wirkt er reif, ein kontrollierter, klarer Typ, man kann sich auch in zehn Jahren kaum ein Patriarchenbrüllen vorstellen. Er redet ruhig, diszipliniert, hält in allen Sätzen genug Distanz, garniert sie gern etwas mit BCG-Girlanden und Start-up-Slang. Von Viessmann spricht er oft als „Company“, von Leuten, die „150 Prozent committed sind“ oder die er „hiren“ muss.

Es wird geduzt

„Wir haben am Anfang die typischen Fehler gemacht“, sagt Martin Unger, der heute an der Spitze von Wattx steht. Unger sieht aus wie bestellt aus dem Start-up-Katalog von Berlin, grauer Kapuzenpulli, Brille, Bart, es wird sich gleich geduzt. „Wir dachten, wir können mit 25 Leuten von Berlin aus ein Unternehmen mit 12.000 Menschen verändern.“

Nach fünf Monaten steuern sie um, Wattx soll von nun an Start-ups aufbauen. Fünf eigene Firmen sind bisher entstanden, Statice etwa – das Daten für die Analyse DSGVO-konform anonymisiert. Oder Deevio, deren Produkt mithilfe von deep learning die Qualitätskontrolle in Fertigungen ermöglicht. „Wir agieren unabhängig, sind aber eine kulturelle Einheit“, sagt Unger.

Inzwischen sind die Aktivitäten, Projekte und Beteiligungen so zahlreich, dass Viessmann die nächsten Stufe zündet: In Prenzlauer Berg wird eine ehemalige Schuhfabrik umgebaut, der „Maschinenraum“. 4500 Quadratmeter, hier zieht Wattx ein, hier entstehen Co-Working-Räume, hier will Viessmann die beiden Welten zusammenbringen: die, aus der man kommt, und die, in die man geht, Mittelstand und Start-ups. Vom Maschinenbauer über Hersteller sogenannter weißer Ware bis zum Autozulieferer. „Für Martin und Max ist das Zentrum auch ein Statement“, sagt Unger. „Das wird Teil ihrer Legacy.“

Der größte Teil des Umbaus aber spielt in der Heimat. Auch hier bringt Max einen neuen Ton und Stil rein. Er lässt sich duzen, führt „Thank God it’s Monday“-Meetings ein, die inzwischen „State of the World“ heißen und konzernweit im Livestream gezeigt werden.