MittelstandWie ein Mittelständler Digitalisierung und Nachfolge verknüpft

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Die Zentrale in Allendorf. Viessmann hat 220 Mio. Euro in Energieeffizienz investiert
Die Zentrale in Allendorf. Viessmann hat 220 Mio. Euro in Energieeffizienz investiert

An diesem Tag im Mai spricht Martin Viessmann vor einer Jugendgruppe, er redet ruhig, fast leise, und landet alle paar Minuten bei Sätzen, die kleine Beben sind. „Nicht alle Werte, mit denen ich das Unternehmen weiterentwickelt habe, sind noch zeitgemäß.“ Er referiert über das Konservative in Viessmann; dass Allendorf als Standort nicht ausreiche; über die Kunst loszulassen, weil dies sonst die Existenz gefährde. „Ein Unternehmen muss lernen, anders zu sein – oder es wird nicht mehr sein.“

Als Google 2014 den Thermostathersteller Nest Labs für 3 Mrd. Dollar kaufte, war das für ihn der letzte Weckruf. „Die Digitalisierung wird alles Dagewesene in den Schatten stellen“, sagt Martin Viessmann. „Künftig verkaufen wir Wärme – und müssen es mit neuen Wettbewerbern aufnehmen, die nicht mehr aus unserer Branche stammen.“ In den USA vertreibt Amazon Heizungen, Start-ups wie Thermondo verändern als Komplettanbieter den Vertrieb.

Und dann der Kunde! Den kennt Viessmann kaum, ihre Partner vor Ort sind die Handwerker. Doch die meisten Menschen informieren sich heute im Netz, vergleichen, suchen sich Anbieter direkt. Digital werden muss Viessmann also in alle Richtungen, in seinen Produkten, die vernetzt und intelligent sein müssen, als Service gegenüber den Handwerkern und Verbrauchern und in der eigenen Organisation.

Diskussion auf Augenhöhe

Also beschließt Martin Viessmann, der schon Anteile erbschaftsteuerschonend übertragen hatte, die Nachfolge zu beschleunigen. Sie ziehen einen Mediator hinzu, Peter May von der Intes Akademie für Familienunternehmen aus Bonn. Das war wichtig, denn „Generationswechsel sind immer ein Einschnitt, weil Emotionen im Spiel sind“, sagt Martin Viessmann. Es ist die eigene Übergabe vom Vater, Anfang der Neunziger, die ihn prägt. „Mein Vater war ein typischer Gründerunternehmer, es fiel ihm schwer loszulassen.“

Hans Viessmann schied 1991 aus, aber fand keinen Frieden, zog sich nach Hof zurück, übernahm dort die Sparte für Kältetechnik. Es war keine Erfolgsgeschichte mehr für den Erfinder, der 1500 Schutzrechte innehatte. Diese Erfahrung, erfährt man in Allendorf, habe damals „Wunden geschlagen“.

Nun also geplant. Vater, Sohn, Schwester und Mutter machen vier Workshops, mit Diskussionen und Flipchart, erarbeiten ein Viessmann-Manifest, in dem steht, was ihnen wichtig ist. „Wir haben intensiv diskutiert“, erinnert sich Martin Viessmann. „Ich habe mit den Kindern auf Augenhöhe kommuniziert.“

Zum Juni 2016 wird Max Viessmann Chief Digital Officer, der langjährige Manager Joachim Janssen CEO. Martin Viessmann zieht sich als Präsident in den Verwaltungsrat zurück. Ein Jahr später rückt Max mit 29 Jahren als zweiter Chef an die Spitze, wird zuständig für Heiztechnik und das digitale Neugeschäft.