MittelstandWie ein Mittelständler Digitalisierung und Nachfolge verknüpft

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Wie Chinesisch lernen

„Diese Umwälzung ist wie Chinesisch lernen“, sagt Max in die Runde der belgischen Mitarbeiter. „Ich lerne seit anderthalb Jahren Chinesisch und habe noch viele Schriftzeichen vor mir.“ Auf dem Chart stehen nach zwölf Minuten Vortrag nun vier Zeilen in roter Schrift, die Strategie: Viessmann, 2017 100 Jahre alt geworden, will nicht mehr nur Heiztechnik herstellen. Er liefert climate solutions. Das Ganze seamless, nahtlos. Max hält ein iPhone hoch: So intuitiv wie Apple. Und dann steht da noch eine ambitionierte Umsatzzahl. „Und wir wissen erst zu 80 Prozent, wie wir da hinkommen“, sagt Max.

Die Köpfe schauen auf die roten Zeilen, ein paar graue Haarkränze darunter, viele verschränkte Arme, und manchmal scheint man fast von hinten die Gesichter sehen zu können. Wir kennen sie alle: Es sind Reaktionsgesichter auf Transformationsgeschichten.

Einige Monate zuvor, ein Tag im Mai in Allendorf. Es ist eines dieser Städtchen, die man nach vielen Kurven und Hügeln erreicht, 5000 Einwohner, hier sitzt Viessmann seit 1937 und ist so gewachsen, dass man den Eindruck hat, es sei eine Firmenzentrale mit angeschlossenem Städtchen. Ein Wohlstandsareal in der Idylle, deutscher Mittelstand.

1928 hatte der Gründer, der Schlossermeister Johann Viessmann, im bayerischen Hof den ersten Kessel aus Stahl gebaut; Stahl statt schwerem Gusseisen, die erste Innovation. Er siedelt nach Allendorf über, 1947 übernimmt sein Sohn Hans. Der macht die Firma groß, präsentiert auf der Hannover Messe 1957 den ersten Kessel, der nicht nur Koks, sondern auch Öl verbrennt. Es folgt Meilenstein um Meilenstein, 1962 ein innovativer Durchlauferhitzer, 1972 ein Gas-Heizkessel aus Edelstahl. Schon ab Mitte der Siebziger fertigt Viessmann erste Sonnenkollektoren und Wärmepumpen.

Als Martin Viessmann 1992 übernimmt, expandiert er kräftig in alle Welt, die Themen Umweltschutz und Effizienz brennt er fest in die DNA des Unternehmens. Allein 220 Mio. Euro investiert der Heizungsbauer ab 2005 in den eigenen Standort, kombiniert eine moderne Produktion mit Energiesenkung: 78.000 statt 109.000 Quadratmeter, 6300 Megawatt weniger pro Jahr, 50 Prozent weniger Wasser, 80 Prozent weniger CO₂, der Anteil Erneuerbarer liegt bei 60 Prozent.

Was Deutschland 2050 erreichen will, erreicht Viessmann schon 2012. Es ist ein Leuchtturmprojekt, eine Demonstration des eigenen Könnens. Kurz darauf steckt Viessmann weitere 50 Mio. Euro in ein „Technikum“, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Was, fragt man sich, hat Viessmann so alarmiert? Wo liegt die Bedrohung für ein Unternehmen, das sich so energisch verändern kann?