Herles‘ Zukunftsblick

KolumneWarum wir einen bildungspolitischen Aufbruch brauchen

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Was für ein Sommer! So manche Brandmeldung war in den letzten Wochen zu vermelden, und das nicht nur aus dem mecklenburgischen Trocken-Forst. Damit meine ich keine Temperaturrekorde aus Lingen an der Ems und auch keine Überraschungen aus der Brüsseler Personalpolitik. Einen wirklichen Hitzschlag konnte man beim Gedanken an den Status der digitalen Transformation dieser Gesellschaft bekommen. Wie schnell diese mittlerweile vonstatten geht, ließ sich zuletzt mal wieder in der heimischen Finanzindustrie beobachten. Während N26 mit einer dreieinhalb Milliarden-Bewertung zum teuersten Start-up des Landes wurde, plant die Deutsche Bank Massenentlassungen ungeahnten Ausmaßes. Christian Sewings Sommer verlief bis jetzt ganz gewiss nicht entspannt. Im politischen Berlin gab es derweil jenseits von Postengeschiebe und Zitteranfällen nicht viel Neues zu vermelden. Hitzestau statt frischer Wind. An Zukunftsthemen mangelt es in der Regierungsarbeit eigentlich nicht. Aber von mutigen Reformen kann kaum die Rede sein.

Zu Ende gedacht…

Beispiel Bildungspolitik: Jedem sollte bewusst sein, dass wir ein „race between technology and education“ austragen. So pointiert formulierte es bereits 1974 der erste Nobelpreisträger der Ökonomie der Niederländer Jan Tinbergen. Nichts verteilt den nationalen Wohlstand gleichmäßiger als ein gutes Bildungssystem. Auf der Schulbank entscheidet sich die Zukunft der Gesellschaft. Und nur wenn das allgemeine Bildungsniveau wächst, können Löhne trotz technologischer Umbrüche auf breiter Front steigen. Dazu ist die Geschwindigkeit des Wandels so groß geworden, dass es sehr schwierig geworden ist, das Ausbildungssystem an die wachsenden Anforderungen immer kürzerer Innovationszyklen anzupassen. Zu Recht kommen deshalb kein Parteiprogramm und keine Sonntagsrede ohne die Forderung nach einer Bildungsreform aus.

Insbesondere das vielbeschworene lebenslange Lernen ist in so revolutionären Zeiten entscheidend. Ähnlich kann man das auch im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung nachlesen. Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit haben Bildungsministerin Anja Karliczek und Arbeitsminister Hubertus Heil im Juni gemeinsam eine sogenannte Nationale Weiterbildungsstrategie vorgestellt. Doch der Name des Projekts wird dem tatsächlichen Courage-Niveau nicht gerecht. Staatliche Förderleistungen sollen auf 245 Mio. Euro steigen, insbesondere Geringqualifizierte sollen profitieren. Es sind gutgemeinte, aber letzten Endes harmlose Maßnahmen hier und dort. Die Strategie liest sich wie ein Kompromisspapier voller Allgemeinplätze. Ein echter Durchbruch ist diese Reform genauso wenig wie der Digitalpakt Schule. Letzterer kommt zudem nur schleppend voran. Ein neues Schuljahr beginnt, getan hat sich bis jetzt sehr wenig.

Bildungspolitik ist schon lange kein Steckenpferd der CDU mehr. Wo sind sie, die großen bildungspolitischen Würfe? Welches Unions-Zugpferd (Frau Karliczek fällt nicht unter meine Definition von Zugpferd) steht noch glaubwürdig für die vielleicht wichtigste Baustelle der Erneuerung? Ja, Bildung ist Ländersache, die Möglichkeiten der Bundespolitik sind eingeschränkt. Doch darf das eine Ausrede für falsche Prioritäten sein?

Ende 2018 stellte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion das Konzept einer digitalen Bildungsplattform vor. Projektname Milla: „Modulares interaktives lebensbegleitendes Lernen für alle“. Weiterbildungsangebote sollen durch Milla gebündelt werden, Bürger durch eine erfolgreiche Teilnahme Prämien verdienen können. Eine „Digitale Plattform Berufliche Weiterbildung“ findet sich dann auch in der neuen Nationalen Weiterbildungsstrategie. Doch vieles bleibt im Vagen. Und erst einmal soll ein Innovationswettbewerb für die weitere Ausgestaltung stattfinden. So lassen sich gute und konkrete Ansätze in der Bildungspolitik auch begraben.

Tatsächlich führt in Zeiten der digitalen Transformation, des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels kein Weg an einer massiven Förderung des lebenslangen Lernens vorbei. Die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ist ohne bildungspolitischen Aufbruch in Gefahr. Gefragt wäre ein bundeseinheitliches und staatlich kontrolliertes Credit-System der Erwachsenenbildung. Jeder Bürger sollte das Recht auf eine bestimmte Anzahl an Weiterbildungs-Credits in seiner Erwerbsbiografie haben. Die Kosten dafür sollten sich Staat und die jeweiligen Arbeitgeber der Lernenden teilen. Unternehmen müssen inhaltliche Kontrollinstanz bleiben, damit nur betriebsrelevante Kurse in Anspruch genommen werden. Mutige Konzepte existieren. Doch im Berliner Hitzestau bleibt es weiter beim Klein-Klein in der Umsetzung. Action required!

 


Benedikt Herles ist Start-up-Investor und Autor. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Bei Capital schreibt er regelmäßig seine Kolumne Herles‘ Zukunftsblick. Sie finden ihn auch bei Twitter und Linkedin.