InterviewDigitales Deutschland: „Wir müssen jetzt in die Gänge kommen“

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Der Hub, den Sie 2016 mit Visa gestartet haben, heißt Spielfeld. Das klingt einerseits passend, nach Ausprobieren und Tüfteln. Aber es schwingt auch mit, dass hier nur herumgespielt wird – ein Vorwurf, der vielen Digitallaboren gemacht wird.

Schaible: Was uns von anderen Hubs unterscheidet, ist, dass wir mit Spielfeld ein Ökosystem geschaffen haben, das von Anfang an als Netzwerk und Kooperationsplattform angelegt ist. Wir machen das nicht alleine, sondern kooperieren mit Visa. Seit Tag eins mischen auch andere Mitspieler wie Unternehmen aus den unterschiedlichsten Industrien und Start-ups mit. Anders als unsere Wettbewerber bringen wir nicht nur die Kompetenz unserer Berater, sondern auch die Fähigkeiten dieser Mitspieler auf der Plattform ein. Spielfeld ist eine organisierte Schnittstelle, an der Innovation entzündet und katalysiert werden kann, weil wir aus dem Ökosystem viele unabhängige Impulse einbringen – aber im Team auch direkt umsetzen.

Was heißt das konkret?

Schaible: Das heißt, dass wir im Gegensatz zu unseren Mitbewerbern schon lange auch bei Kundenprojekten mit Partnerunternehmen arbeiten – denn wir glauben nicht, dass wir als Roland Berger alle Wertschöpfungsschritte alleine am besten können. Software zu programmieren oder operative IT-Implementierung machen wir bei Piloten auch – das ist und soll aber nicht unsere Kernkompetenz sein, hierzu binden wir Partner ein. Das bringt für unsere Kunden die besten Ergebnisse.

Rappers: Wir nutzen Inspiration Sessions, Design Sprints oder Hackathons, um zum Beispiel in kürzester Zeit Prototypen oder sogenannte Minimum Viable Products zu entwickeln. So entstehen neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle, die zur Strategie des Unternehmens passen. Um zu verdeutlichen, wie attraktiv unser Ökosystem hier ist: Spielfeld hat allein im vergangenen Jahr Geschäfte in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags an Partnerfirmen vermittelt.

Viele Gründer sind von der Idee, Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenzubringen, zunehmend genervt – sie fühlen sich wie im Zoo und echte Umsätze kommen selten dabei heraus. Was haben die Start-ups bei Ihnen davon?

Rappers: Start-ups sind im Spielfeld nicht Mittel zum Zweck, damit wir hier eine coole Atmosphäre haben. Wir schaffen ihnen Mehrwert: nämlich einen moderierten Zugang zu unseren Kunden. Das ist der große Unterschied zu den „Zoobesuchen“. Wenn wir mit einem Konzernvorstand über ein ganz konkretes Problem sprechen, können wir das richtige Start-up suchen, das es lösen kann. Im Spielfeld bringen wir Kunden und Start-ups auf Augenhöhe zusammen – also echte Kooperation statt Zoobesuch. Sonst würden beide Seiten das auch nicht so annehmen.

Im Spielfeld geht es auch um das Bauen von Prototypen. Ist der Schritt hin zur tatsächlichen Umsetzung ein Paradigmenwechsel für eine Beratungsfirma?

Schaible: Wir hatten als Roland Berger schon immer den Ruf sehr umsetzungsstark zu sein. Aber was die neuen Methoden angeht, ist es durchaus eine Herausforderung. Unsere Mitbewerber machen das ja anders, die gehen zunehmend in die Vertikalisierung des Geschäfts. Was allerdings nicht ganz einfach ist, denn IT-Implementierung ist niedrigmargiger, man muss Entwickler einstellen, das sind vollkommen andere Leute. Wir brauchen keine eigenen Implementierer, wir müssen das aber konzeptionell und technisch verstehen und dann wird das mit Partnern umgesetzt.

Rappers: Dazu kommt, dass die besten Programmierer und Designer nicht immer Lust haben, bei Beratungen zu arbeiten, denn die Kulturen sind schon sehr unterschiedlich. Aber über den Partneransatz haben wir trotzdem Zugang zu Ihnen.

Wie glaubhaft und glaubwürdig können Unternehmensberatungen eigentlich zu Digitalisierung Ratschläge geben?

Schaible: Das ist in der Tat nicht ganz so einfach und eine große Herausforderung für alle Beratungen: Wir haben aber in den letzten Jahren massiv Digitalkompetenzen aufgebaut. Jeder, der bei uns anfängt, lernt, worauf es in den Digitaldisziplinen ankommt. Aber nicht nur bei den Anforderungsprofilen hat sich etwas verändert, sondern auch bei der Durchlässigkeit unserer Organisation. Wer uns verlässt, um ein Start-up zu gründen, kann auch wieder zurückkommen – sei es als Kollege oder Partner in unserem digitalen Ökosystem. So sind wir immer vorne mit dabei.

Herr Bouée will Roland Berger selbst auch zu einem agileren Unternehmen machen. Wie weit sind sie da? Problem erkannt, Umsetzung begonnen?

Schaible: Charles-Edouard hat die richtigen Impulse gesetzt, die Kolleginnen und Kollegen sind schon ein gutes Stück des Weges gegangen. Auch für uns bleibt diese permanente Revolution eine Herausforderung. Aber wir haben das ganz gut im Griff.