KolumneWas Autos und Atomkraftwerke gemeinsam haben

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Als 2007 ein Transformatorhäuschen im Atomkraftwerk Krümmel brannte, war die Aufregung in Deutschland groß. Nur die Manager des Betreibers Vattenfall sahen überhaupt keinen Grund zur Panik. Einige Monate nach dem Störfall lud mich der schwedische Konzern zu einem Treffen seiner 200 europäischen Top-Leute ein, um sich die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit von einem Journalisten erklären zu lassen. Auf der Veranstaltung schlug mir das blanke Unverständnis entgegen. Die meisten Anwesenden waren Ingenieure und erklärten mir in vielen Redebeiträgen detailliert, warum der ganze Brand technisch gesehen eine Lappalie gewesen sei und niemals eine Gefahr für das Atomkraftwerk bestanden habe. Ich versuchte den Managern umgekehrt zu erklären, warum solche Argumente trotzdem nicht in der Öffentlichkeit verfangen. Wir redeten eine gute Stunde aneinander vorbei.

Bei den Verteidigern des Diesel-Motors in der deutschen Autoindustrie geht es mir gegenwärtig ein wenig wie damals bei den Atomkraftfreunden von Vattenfall. Die Konzernchefs und ihre Sprecher führen viele technische Argumente für den Selbstzünder ins Feld. Die Schadstoffe des Diesel-Motors seien mit modernsten Verfahren durchaus beherrschbar. Die Klimaschutzziele seien ohne ihn gar nicht erreichbar. Selbst im günstigsten Fall könne man nicht in wenigen Jahren alle herkömmlichen Fahrzeuge durch E-Autos ersetzen. Man brauche den Diesel schlicht, bis eine vollständige Infrastruktur für Elektromobilität vorhanden sei. Man dürfe die Motoren nicht schlecht reden, nur weil einige Hersteller (vor allem einer) sie manipuliert hätten. Und so weiter und so fort.

Stimmungen schaffen Fakten

Die Kunden der Autoindustrie aber sehen das Problem aus einem ganz anderen Blickwinkel: Die Zulassungszahlen sinken und sinken – und mit ihnen der Restwert eines Diesel-Pkws. Die Diskussion über Fahrverbote in den Innenstädten will und will nicht verstummen. Die ersten werden kommen – wenn nicht in Stuttgart, dann eben zuerst in Paris oder Brüssel. Einzelne europäische Länder reden bereits ernsthaft über ein generelles Verbot für Diesel-Fahrzeuge. Deshalb bleibt die Verunsicherung der Verbraucher, ob es die Industrie wahrhaben will oder nicht. Selbst die schönste Pro-Diesel-Kampagne könnte daran nichts ändern.

Wir erleben in diesen Monaten, wie Stimmungen Fakten schaffen. Die großen Stromerzeuger haben etwas Ähnliches vor Jahren erlebt. Viel zu lang stemmten sich die Manager von Eon und RWE gegen den Umschwung in der Bevölkerung. Am Ende mussten ihre Aktionäre bitter dafür bezahlen, dass sich ihre Vorstände zu lange gegen die Erkenntnis der psychologischen Lage gesperrt hatten – und viel zu spät auf erneuerbare Energien umschalteten.

Die deutschen Autokonzerne sollten diesen Fehler nicht wiederholen. Auch wenn es noch so viele technische Argumente für den Diesel geben mag, werden sie nicht ausreichen, die Menschen zu überzeugen. Und anders als damals beim Strom müssen die Kunden der Autoindustrie nicht warten, bis sich die Konzerne besinnen. Sie können den Wandel durch ihr Kaufverhalten einfach erzwingen.