Kolumne Die Verschwörung der Winterkorn-Freunde

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
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Mit der Anklage gegen den früheren VW-Chef gerät auch der amtierende Aufsichtsratschef in die Bredouille. Und das völlig zu Recht. Bernd Ziesemer über Martin Winterkorn und seine Kumpane

Martin Winterkorn war überrascht. Am Abend des 29. Mai 2017 klingelten sechs Herrn unangemeldet an der Tür seiner Villa in München-Bogenhausen, um dem ehemaligen VW-Vorstandschef zum 70. Geburtstag zu gratulieren. Man singt ein Ständchen und zieht anschließend weiter zu Käfer, um mit viel Rotwein zu feiern. Mit dabei in der fröhlichen Herrenrunde: die beiden Großaktionäre Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch sowie der VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. „Wie in alten Zeiten“ sei es gewesen, zitierte anschließend die „Bild“ einen der Herren.

Und so ist es bis heute: Obwohl Winterkorn im September 2015 wegen des Skandals um den Dieselbetrug seinen Hut nehmen musste, fehlt seinen früheren Kumpanen im Konzern jede Distanz. Das gilt auch für Pötsch, der in seiner Funktion eigentlich Abstand halten müsste. Schließlich könnte der VW-Aufsichtsrat in die Lage kommen, gegen Winterkorn auf Schadenersatz klagen zu müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist seit letzten Freitag um den Faktor 100 gewachsen. Mit der amerikanischen Anklageschrift gegen Winterkorn („Verschwörung zu Lasten der USA“) gerät auch Pötsch schwer in die Bredouille. Eigentlich möchte der ehemalige Finanzvorstand nicht gegen seinen früheren Boss vorgehen. Doch dann macht sich der Aufsichtsratschef aller Wahrscheinlichkeit nach selbst strafbar im Sinne des Aktiengesetzes.

Die Porsche-Piëch-Sippe betrachtet VW als Privatreich

Immer noch herrscht bei VW die Kumpanei von alten Kampfgenossen, denen jedes Unrechtsbewusstsein in der Betrugsaffäre fehlt. Mit ihrer Aktienmehrheit haben die Familien Porsche und Piëch wider besseres Wissen mehrfach die Entlastung von Winterkorn und anderen Vorständen ihres Konzerns durchgepaukt. In zwei Fällen wurden sie nachträglich von den Gerichten gestoppt. Der Versucht, Martin Winterkorn weiß zu waschen, ist ein Skandal im Skandal. Mit der Erhebung der Anklage in den USA kann man diese Vertuschungsstrategie wohl als endgültig gescheitert betrachten.

Natürlich gilt in dem Strafprozess gegen Winterkorn der gute alte Grundsatz „in dubio pro reo“. Seine unternehmerische Verantwortung für den Dieselbetrug aber ist seit langem völlig klar. In jedem Konzern mit funktionierender Compliance wäre der Aufsichtsrat längst gegen den früheren Chef vorgegangen. Aber VW ist eben kein normales Unternehmen. Die Porsche-Piëch-Sippe betrachtet den börsennotierten Konzern als ihr eigenes Privatreich, in dem sie wie Duodez-Fürsten machen können was sie wollen. Pötsch ist nur ihr williger Haushofmeier, der zu einer eigenständigen Rolle weder willens noch in der Lage ist.

Der neue VW-Chef Herbert Diess will den Konzern „anständiger“ machen. Den guten Willen dazu soll man ihm nicht absprechen. Doch zum Anstand gehört auch die Wahrhaftigkeit – und daran fehlt es bis heute in Wolfsburg. Deshalb holt die Vergangenheit den Konzern immer wieder ein. Die Verschwörung der Winterkorn-Freunde muss ein Ende haben.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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